Die Frage des Seins: Real oder Schein?

Aufgrund einer Nachfrage von Melinas kam es zu einem längeren E-Mail-Austausch. Letztendlich fragte Melinas am Ende, ob ich die Informationen aus der E-Mail nicht bei ihr im Blog als Kommentar hinterlassen möchte. Ich empfand es aber für stimmiger einen eigenen Beitrag diesbezüglich zu veröffentlichen. Der Grundgedanke drehte sich um die Frage ob ich auch so etwas wie einen „inneren Beobachter“ kennen/haben würde. Dabei traf Melinas eine Aussage, die sie auch in Ihrem Blog darlegte und mit der ich überhaupt nicht daccord gehe:

…da kam mir am Ende der Gedanke oder besser die Feststellung: Ja, wenn […] die anderen Innens alle nicht echt sind und alle Innens nur Scheinpersönlichkeiten […] und alle Innens und AnP vielleicht diese Scheinidentitäten sind […] tatsächlich alle gar nicht in diesem Leben echt sind.

Melinas Schreibfamilie

Zum Anfang in dem E-Mail-Austausch stellte ich klar, dass ich die Begrifflichkeiten „Scheinidentität“ und „Scheinpersönlichkeit“ in der Anwendung auf DIS / DSNNS zum Kotzen findet. Dabei geht es mir nicht darum Melinas abzuwerten, bloß-zustellen oder gar schlecht zu machen. Letztlich bin ich sogar sehr dankbar, das Melinas sich mit der Frage und ihren eigenen Worten bei mir gemeldet hat. Aber es ist einfach die ehrliche Emotion, die hier im Innen diesbezüglich ausgelöst wird.

Nachdem dann auch heraus gestellt war, dass es dabei nicht darum geht diese Begriffe im Zusammenhang mit einer bestimmten Therapie oder religiösen Überzeugung zu sehen, konnten Melinas und ich einige sehr interessante Dinge erarbeiten und Melinas ist der Meinung ist, dass es auch für andere Leser / Betroffene hilfreich sein könnte. Und da stimme ich ihr dann absolut zu – ich denke auch dass die folgenden Texte hilfreich sind. Auch wenn ich natürlich genauso wenig wie Melinas die Weisheit mit Löffeln gefressen habe und andere da auch gerne völlig anders drüber denken dürfen. Jeder darf und sollte schauen, inwieweit es mit seiner eigenen ‚Wahrheit‘ / Wahrnehmung übereinstimmt.

Scheinidentitäten

Das Wort „Scheinidentiät“ ist von der Definition (Duden / Wikipedia) her aus der Beamtensprache und bezeichnet die absichtlich erzeugte Legende. Also eine geplant angelegte falsche Identität zum Zwecke einer verdeckten Ermittlung. Das Wort „Schein“ sagt dabei aus, dass es darum geht, absichtlich den Eindruck zu erwecken, dass eine bestimmte Sache wie auch immer geartet ist. Es handelt sich also um eine bewusste, absichtliche Vorspiegelung und Täuschung anderer Personen.

Keine Person die wirklich an DIS (oder DSNNS) ‚erkrankt‘ ist, spielt die anderen Persönlichkeiten vor. Die Wechsel in der Erinnerungs-, Leistungs- und Kommunikationsfähigkeit sowie den Charakterzügen sind nicht bewusst von dem Betroffenen ausgewählt und werden nicht bewusst abgerufen. Damit sind per diese Wechsel per Definition nicht absichtlich, sondern Folge der Störung natürlicher biochemischer und neuronaler Prozesse (Trauma- und dementsprechend stressbedingt). Somit sind auch die ‚Charaktere‘ oder Persönlichkeiten kein Schein, sondern in diesem Sinne ‚echt‘ oder ‚real‘ vorhanden.

Bei anderen Diagnosen mag es durchaus Scheinidentitäten in dem oben beschriebenen Sinne geben – bei Histrionikern, Narzissten und notorischen Lügnern kommt das zum Beispiel durchaus vor. Ebenso bei anderen Diagnosen wo Betroffene als Ziel haben Außenstehende gemäß dem eigenen Willen zu beeinflussen. Aber nicht bei DIS (oder DSNNS). Denn DIS / DSNNS (mit seinen Persönlichkeiten) sind von dem Betroffenen eben nicht bewusst gewählt um anderen etwas vorzuspielen, sondern sie sind ein Überlebensmechanismus.

Das ist doch nur ein Konstrukt!

Ich möchte hier gerne einen Kommentar von Benita Wiese aus dem Beitrag Innens? Wer oder was aufgreifen und in angepassten Worten mein Ansicht wiedergeben. Danke dir, Benita Wiese, für die Erlaubnis, den hervorragenden Kommentar zu nutzen und teilweise 1:1 in deinem Wortlaut zu übernehmen. 

Das System DIS / DSNNS mit seiner Aufteilung als ein Hilfskonstrukt zu bezeichnen ist absolut korrekt. Das innere Konstrukt das nötig war um der Not und Gewalt zu entkommen, besteht aus ‚Innenwesen‘ und ‚Alltagsperson(en)‘. Alle sind gleich wert(ig)! Das System ist beides – Innen-Wahrnehmung genauso wie Außendarstellung. Das bedeutet aber keinesfalls, dass die gesamte Identität nur eine Hilfskonstruktion ist. Jeder Mensch entwickelt seine Identität als Hilfe um das Leben zu meistern – völlig unabhängig von einer Diagnose. Das ist in Ordnung und eine große Leistung, die Menschen eben vollbringen müssen, da sie mit dem Potential sich weiter zu entwickeln geboren werden. Das Hilfskonstrukt zu bestaunen und letztlich Wertschätzung dafür zu entwickeln ist sicher eine große Herausforderung aber unserer Meinung nach der einzige Weg eine ‚Heilung‘ für sich selbst zu erreichen.

Die Vase und die Splitter

Wenn die traumatischen Dinge nicht geschehen wären, wären die Innens nicht als einzelne Persönlichkeit(sfragmente) da sondern derjenige würde sich als eine Person wahrnehmen, die alle Charaktereigenschaften in seiner persönlichen Gänze aufweist. So ist zumindest die mir bekannte Meinung der verschiedenen Fachleute. Die einzelnen Persönlichkeiten sind kein Schein, sondern ein Teilstück, das zu einem (zerstörten) Ganzen gehört.

Stelle dir eine echte, wunderschöne Vase vor. Künstlerisch gestaltet mit vielen Steinen besetzt und aus wertvollem Glas hergestellt. Wenn diese Vase herunterfällt, sind die ganzen Splitter überall verstreut. Dennoch sind dort nur Splitter, die aus dieser Vase bestehen. Da sind nicht Dinge dabei, die die Vase vorher nicht hatte. Klar ist es nicht mehr die Vase als Ganzes, die sie ursprünglich war. Aber die einzelnen Splitter sind dennoch die Vase. So ist es auch bei einem Multiplen – egal ob nun DIS oder DSNNS. Die ursprüngliche Persönlichkeit mit all ihren Eigenschaften ist durch die Geschehnisse zersplittert. Dennoch entsprechen die einzelnen Persönlichkeiten zusammengefasst dieser ‚Ursprungspersönlichkeit‘ – nicht mehr und nicht weniger. Doch so, wie man sich an einem einzelnen Splitter eher schneidet als an der heilen Vase, so ist auch ein Persönlichkeitssplitter in seiner charakterlichen Ausprägung ’schärfer‘ als die komplette ursprünglich heile Persönlichkeit war.

Mit der Schärfe der einzelnen Splitter meine ich: Eben weil sie nicht verbunden sind mit der ganzen Vase (also anderer Teile z.B. den Gefühlen) sind sie sozusagen ’schneidend‘, ’scharfkantig‘ und verletzend für einen selbst oder andere.

Fast alle Theorien die ich bezüglich DIS/DSNNS gelesen habe, sagen grob zusammengefasst eine der beiden folgenden Sequenzen aus:

‚Ursprungspersönlichkeit‘ erlebt Traumata → Zu Beginn versucht die ‚Ursprungspersönlichkeit‘ das mit einfacher Dissoziation zu verarbeiten → Wenn die Traumata weitergehen, gibt sich die ‚Ursprungspersönlichkeit‘ auf und fängt mit einer unbelasteten Version (‚Kopie‘) der ‚Ursprungspersönlichkeit‘ neu an → Diese Kopie ist die Essenz der ‚Ursprungspersönlichkeit‘ aus der dann alle weiteren Persönlichkeiten abgespalten werden um das Überleben zu sichern und wird in den verschiedenen Theorien oftmals ‚innerer Kern‘, ‚Über-Ich‘ oder ‚göttliches Kind‘ genannt.

Auch die Bezeichnung ‚Beobachter‘ wurde in diesem Zusammenhang mal in einem Bericht in Bezug auf den ‚inneren Kern‘ gebraucht. Hier schließt sich somit die Frage, ob ich einen Beobachter kenne/hatte faktisch.

Ein Splitter hat eine oder mehrere der Eigenschaften und Fähigkeiten der ursprünglichen Persönlichkeit, aus der sie ja heraus gebrochen wurde. Sie ist kein Schein. Sie ist keine von dem Betroffenen bewusst erschaffte Person, sondern ein Teilstück des gesamten und voll umfänglichen (Ursprungs-)“Ichs“, beziehungsweise von dem sogenannten Kern. Dieser ist ja die Kopie der ‚Ursprungspersönlichkeit‘, die kurz vor dem Zersplittern des Originals angefertigt wurde – vergleichbar mit einer wertvollen Vase von der ein Duplikat angefertigt wurde. Dieser Kern steht als Ganzes da – wie die angesprochene Vase – und ist somit anders, umfassender als das was die einzelnen Splitter im Moment sind.

Wo ist das Original?

Die Frage wo das Ursprungskind (Original) geblieben ist, wird in verschiedenen Ansätzen immer wieder sehr ähnlich ausgeführt. Meistens heißt es dort, dass das Ursprungskind „nicht mehr vorhanden“, „nicht mehr aktivierbar“ oder „nicht mehr aufrufbar“. Manche Artikel schreiben auch das das Ursprungskind „zerstört“ oder „gestorben“ sei. Die verschiedenen ‚Experten‘ sind sich scheinbar aber nicht einmal darin einig, ob das Ursprungskind zersplittert ist und die Eigenschaften im ‚Kern‘ (Kopie) erhalten sind oder ob es keine Kopie gibt und Ursprungskind und Kern das Gleiche sind.

Wenn man von der ‚Kopie-Theorie‘ ausgeht, ist die Kopie des Ursprungskindes der Kern und ist weiterhin vorhanden, da ja die Eigenschaften der Ursprungspersönlichkeit weiter vorhanden sind. Der Kern (die Kopie) ist die Essenz der Eigenschaften des Ursprungskindes (Original). Der Kern weißt somit die gleichen Eigenschaften auf wie das Original, ist aber ’nur‘ eine Kopie. Diese Kopie ist keine Persönlichkeit, kein ANP oder EP. Sie ist der Kern, das was auch als ‚Beobachter‘ bezeichnet wird.

Wer ist der Ursprung der Splitter?

Die Fachleute sind sich in ihren Berichten auch nicht einig, ob der Kern nun der Ursprung der Splitter ist oder das Ursprungskind. Für mich ist es logischer, dass das Ursprungskind der Ursprung aller Splitter ist und der Kern das Abbild der symbolischen original Vase. Ich denke aber, dass der Kern einen Einfluss darauf hat, welche Splitter wann und wie wahrgenommen werden. So wie eine Kopie einer Vase oder ein Foto davon einem selbst beim Zusammensetzen der zerstörten original Vase hilft. Man sieht dann ‚plötzlich‘: „Ah, da kommt das Blaue hin“ und sammelt alle blauen Splitter zusammen.

Ähnlich wie man es meist auch bei einem Puzzle macht, wo ja auch eine ‚Vorlage‘ in verkleinerter Form dabei ist. Ohne diese Vorlage käme man eventuell gar nicht auf die Idee die bestimmten Teile gerade an diese eine Stelle hin zu packen.

Es gibt aber wie oben geschrieben auch genug therapeutische Ansätze gibt, die aussagen, dass „Kern“ und „Ursprungskind“ das Gleiche sind und somit die Splitter direkt ein Teil des Ursprungskindes sind. Ich halte es für die Frage danach, ob die Splitter Echt oder Schein sind, nicht für ‚essentiell wichtig‘, wo die Splitter nun exakt herkommen. Für den Vergleich hier habe ich die ‚Kopie-Theorie‘ gewählt, weil ich auch den „Bauplan der Vase“ (oder die Vorlage für ein Puzzle) mit einbringen wollte.

Echt oder Schein?

Ist eine Scherbe, die von einer zerbrochenen Vase stammt ’nicht echt‘? Natürlich ist sie echt! Sie ist nur keine Vase mehr. Aber der Splitter ist echt. Und diese Scherben sind kein Schein, weil sie nicht so tun, als ob sie eine Vase wären. Sie sind ein Splitter. Völlig real. Und da die Innens von den Betroffenen nicht bewusst erschafft wurden und auch nicht so tun, als ob sie jemand anderes wären (sie zeigen sich als der Splitter der sie sind), sind sie eben keine „Scheinpersönlichkeit“. Sie sind reale Splitter eines Ganzen.

Jeder dieser Splitter ist ein echter Splitter. Nein keiner der Splitter ist eine Vase – aber jeder Splitter ist Teil der Vase und somit real und echt.

Es ist dabei auch völlig egal, wann die Persönlichkeit zersplittert ist. So wie es egal ist ob eine echte Vase am Tag der Erstellung, dem Tag des Verkaufs oder irgendwann in ihrer Existenz zerbricht – so ist es grundsätzlich auch egal, ob die ‚Ursprungspersönlichkeit‘ am Tag ihrer Zeugung, ihrer Geburt oder irgendwann im Leben zerbricht. Es bleiben beim zerbrechen immer nur unterschiedliche Splitter übrig.

Kann sich ein Splitter weiterentwickeln?

Ich kann die Frage nicht final beantworten, aber ich sehe es nicht als Weiterentwicklung an, sondern eher als ‚angepasste Nutzung‘. Ich versuche es wieder anhand der Vase zu erklären. Du hebst eine Scherbe von dieser Vase auf – sie ist einfach nur eine Scherbe. Du kannst noch keinen Sinn oder Nutzen darin erkennen. Aber nach einiger Zeit der Betrachtung stellst du fest: „Die liegt recht gut in der Hand. Eventuell kann ich die benutzen um damit etwas zu schneiden.“ Du probierst es aus und stellst fest, dass die Scherbe an der einen Stelle so scharf ist, dass sie ganz klare Schnitte fuhren kann. Sie ist z.B. geeignet um klare Grenzen zu ziehen. So kann es auch mit einem Innen gehen. Der Splitter mag auf den ersten Blick nutzlos erscheinen, aber richtig eingesetzt, kann er wichtige Funktionen übernehmen. Dabei muss man dann aber wie bei einer echten Scherbe darauf achten, sie nicht über zu beanspruchen. Sonst könnte sie stumpf werden oder gar zerbrechen und kann nicht mehr für das eingesetzt werden was sie bisher gut kann. Auch wäre es dann schwieriger sie bei dem Zusammensetzen der Vase wieder an den richtigen Platz zu bringen.

Die Entscheidung ob man gut oder böse ist, kann jeder selbst treffen. Ich schrieb ja, dass es darauf ankommt, wie man die einzelnen Splitter ‚einsetzt‘. Ein ’scharfkantiger‘ und ‚aggressiver‘ Splitter kann z.B. richtig eingesetzt ein nützlicher Verteidiger in absoluten Notfällen sein. Wenn man sich nur auf die scheinbar negativen Eigenschaften konzentriert und nur das schlechte sieht, dann macht man sich selbst zu etwas / jemandem schlechten. Wenn man dagegen auf das Gute achtsam reagiert, dann kann man Gutes hervorbringen. Ich glaube nicht daran, dass ein Mensch per se gut oder böse ist, sondern ist davon überzeugt, dass jeder der es wirklich will sich selbst entscheiden kann. Auch multiple Systeme. Sie brauchen wahrscheinlich nur länger um das umsetzen zu können.

Deswegen ist es meiner Meinung und Erfahrung nach so wichtig, die Teile wieder zusammen zu fügen. Wie bei einer echten Vase die zersplittert ist, gibt es drei Möglichkeiten wie man damit umgehen kann:

  1. Ich schmeiße alle Splitter weg (im übertragenen Sinne ich gebe das Leben auf)
  2. Ich lasse alles so wie es ist, weiß nicht wie die Vase mal aussah und schneide mich immer wieder mal an den Scherben (im übertragenen Sinne bekomme ich dann auch nicht die Möglichkeit zu erfahren wie die Persönlichkeit ursprünglich ungefähr war und habe eine größere Gefahr weiterhin ‚Verletzungen‘ zu erleiden)
  3. Ich füge die Teile der Vase so weit wie möglich zusammen, bekomme ein neues Bild der (eventuell antiken) Vase die zwar Macken und Fehler aufweist und nicht den ursprünglichen Glanz hat, aber bei der ich mich auch an den Scherben nicht mehr schneiden kann (im übertragenen Sinne erhält man dann eine ’neue‘ Gesamtpersönlichkeit, die ungefähr das wiedergibt, was ursprünglich da war und die Gefahr von Verletzungen ist geringer)

Bei dem Zusammensetzen der Splitter mag es so sein, dass einige sich mit anderen ‚aneinander legen lassen‘ und andere sind wie Scherben zwar zum Gesamtbild gehören, aber nicht mit anderen aneinander gelegt wurden um in die ‚Vase‘ eingesetzt zu werden. Es mag sogar Splitter geben, die so gut aneinander gepasst haben, dass sie beim Zusammensetzen der Vase vorher als ein Stück zusammengeklebt wurden.

Und mit einer neuen Bemalung entsteht ein ganz neuer ein Eindruck auf andere. Aber auch diese Bemalung ist echt.

Warum bin ich bzw. ist mein System so anders?

Nehme 10 Vasen unterschiedlicher Größe und aus unterschiedlichem Material. Werfe alle 10 Vasen mit unterschiedlich viel Schwung auf unterschiedliche Fußböden… Keine der Vasen wird in genau die gleiche Anzahl oder Form von Scherben zerbrechen. Kein Multi zerbricht in genau die gleichen Teile wie ein anderer. Keiner hatte exakt die gleichen Umstände. Keiner hat genau die gleiche ‚Ursprungspersönlichkeit‘ wie ein anderer und selbst wenn das alles gleich wäre (Z.B. bei eineiigen Zwillingen), so wäre die Scherben doch unterschiedlich – genauso, wie wenn zwei genau gleiche Vasen auf genau den gleichen Boden fallen – es mag sogar sein, dass die eine Vase kaputt geht und die andere gar nicht.

Und wie in dem Moment, wo eine Vase herunterfällt und man dann versucht die einzelnen Splitter einfach zusammen zu sammeln mit der Hand – man wird sich sehr wahrscheinlich schneiden. Überall liegen unzählige Scherben herum. Wenn man die Scherben dann gezielt auf den Tisch legt und sie vorsichtig anfasst um wieder etwas zusammen zu fügen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sich zu schneiden geringer. So auch mit den emotionalen Innens die nach Außen ’stürzen‘ – wenn man diese Splitter unkontrolliert und hektisch angeht, wird man sich schneiden und es scheinen hauptsächlich Splitter da zu sein, die ’scharfkantig‘ sind. Fängt man dann an in Ruhe und organisiert – zielgerichtet – vorzugehen, fällt auf das einige gar nicht so ’scharfkantig‘ sind und sich mit etwas Geschick durchaus wieder zusammensetzen lassen. Und dann wird die Verletzungsgefahr eben wieder weniger.

Jede Vase und jeder daraus entstehende Scherbenhaufen ist unterschiedlich. Und es geht auch nicht um die Menge der Splitter – eher darum, wo der einzelne Splitter vorher in der Vase platziert war. Stelle dir vor die Vase war an vielen Stellen rot angemalt und an einigen wenigen blau. Sie fällt herunter und zerbricht. In diesem Beispiel so, dass ein paar große rote Splitter da sind, die leicht aufzuheben sind ohne sich daran zu verletzen. Und das bisschen blau Angemalte ist so klein zersplittert, dass du dich beim aufheben andauern schneidest. Für dich gefühlt ist es in dem Moment so, als ob ganz viel Blaues da wäre und dieses Blaue dann auch noch ganz schlimm ist. Tatsächlich bestand die Vase aber zum großen Teil aus rot angemaltem. So auch mit den Innens. Nehmen wir an, die Blauen wären die extrem Emotionalen. Die Roten würden dir nicht so schlimm oder nervend vorkommen – weil sie größer und leichter zu ‚handeln‘ sind. Die insgesamt kleine Menge an Blauen ist aber so sehr zersplittert, dass du das Gefühl hast, es sind endlos viele. Von der Anzahl der Splitter mag das so wirken, aber ob das auf die ‚Gesamtpersönlichkeit‘ bezogen auch der größere Teil ist, ist damit nicht gesagt. Das sieht man erst, wenn man die Teile wieder anfängt aneinander zu fügen. Und eines ist klar: Gerade die kleinen Splitter bei einer echten Vase stellen die Herausforderung da und benötigen die meiste Ruhe und Geduld. Ich denke auch hier sind die Parallelen sehr deutlich.

Weil deine Splitter zum Beispiel gerade an den blauen Stellen gebrochen sind, ist dein System so, wie es ist. Und bei anderen ist es an anderen Stellen gebrochen und dementsprechend sind dort die roten und total sachlichen Splitter eventuell viel ’schärfer‘ wahrnehmbar.


Abschließend möchte ich nochmals Melinas danken für den Mut und Offenheit ihre Ansichten zu äußern. Melinas sorgt sowohl per Mail mit mir, als auch in der Blogger-Community immer wieder für einen guten Austausch. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich jemand Betroffenes traut auch ‚kontroverse Themen‘ anzusprechen.

Zusätzlich gilt der Dank den Kommentatorinnen, die auf den ein oder anderen wichtigen Punkt hingewiesen bzw. tiefgehende Fragen gestellt haben. So konnte unsereins & me diesen Beitrag noch ‚runder‘ gestalten.