Mein Büro

Was war das für ein Chaos, als ich vor 12 Jahren das erste Mal bewusst von meinen Schreibtisch aufschaute und und mich umsah. Überall flogen verschiedenste Zettel herum. Große und Kleine. Weiße, schwarze, bunte Blätter quer durch alle Farben. Es türmten sich regelrechte Berge überall im Raum verteilt auf. Es war weder ein System zu erkennen, noch konnte ich mich erinnern diesen ganzen Papierkram gesammelt zu haben. Auf meinem Schreibtisch jedoch war es ordentlich. Der Meinung war ich damals zumindest.

Also senkte ich wieder den Kopf und konzentrierte mich auf den kleinen freien Bereich meines Schreibtisches vor mir. „Irgendwie so weiter machen wie bisher, hat ja immer geklappt“, war mein Gedanke. Der Schreibtisch war ja… okay… einigermaßen ordentlich… oder so. Also da lag nun doch schon was rum. „Ein wenig an die Seite schieben reicht“… aber auch da wurde es immer unübersichtlicher. Okay, Okay… es war auch auf dem Schreibtisch totales Chaos – ich gebe es ja zu.

Mein Büro
Mein Büro, Fineliner & Filzstifte, 2019, © Der Bunte Ring

Bereits zwei Jahre später stolperte ich dann über einige der Stapel von unsortierten Papieren auf dem Boden und legte mich volle Kanne auf die Schnüss. Mir wurde klar, dass ich die Kontrolle schon lange verloren hatte. Alleine würde ich diesen ‚Saustall‘ nicht in den Griff bekommen. Ein Fachmann musste her. Der sollte mal eben aufräumen.

Aber so einfach ist das offensichtlich nicht. Hat mich das damals genervt, dass der gefundene Fachmann das nicht übernehmen konnte. Ich war erstmal der Meinung es liegt an diesem Fachmann – er wollte den Auftrag meinem Verständnis nach wohl nicht übernehmen. Eine ältere Reinigungsfachkraft, die nach Jahren von einem anderen Beruf aus umgeschult hatte, versuchte mir klar zu machen, dass ich mich selber auch beteiligen müsste. Aber erst durch die nächsten zwei Facharbeiter – eine Dame mit jahrelanger Erfahrung in Sachen aufräumen – die nie in ihrem Leben etwas anderes gemacht hatte – und ein enthusiastischer Neuling, schafften es, mir zu vermitteln, dass ich nicht nur mit anpacken muss, sondern sogar den Großteil des Aufräumens selbst übernehmen müsste. Die Begründung war recht einfach: Woher soll so ein ‚Aufräumer‘ wissen, welche der Papiere tatsächlich noch wichtig sind – oder zumindest für mich von Bedeutung sind. Welche Papiere müssen aufgehoben werden? Was kann weg? Woher weiß ich, dass es weg kann, wenn ich die Papiere vorher nicht überprüft habe?

Diese ‚Aufräumer‘ waren also keine ‚Aufräumer‘ wie ich sie mir vorgestellt – ja sogar erhofft hatte – sie waren vielmehr einfach ’nur‘ da und gaben mir Tipps. Ich war enttäuscht, sauer – nein – wütend, das ist der richtige Begriff! Wie konnten die es sich erlauben, nicht wirklich aufzuräumen! Fast zwei weitere Jahre fragte ich zwar immer wieder um Rat, aber zufrieden stellte mich das nicht, was sie mir an Hilfe anboten. Und immer noch machten sie nicht ihre Arbeit: Aufräumen! ‚Aufräum-Berater‘ wäre vielleicht die bessere Bezeichnung für diese Berufsgruppe… wenn ich es damals denn freundlich ausgedrückt hätte. Mehrfach stolperte ich wieder über meine Papier-Berge, bis ich kurz davor war die ganze Hütte anzuzünden. Ein für allemal wäre dann aufgeräumt. Klar, Asche würde übrig bleiben. Ich wäre meinen Job los. Und mit Garantie würde irgendwer auf die Idee kommen kurz danach irgendwelche von diesen verbrannten Papieren unbedingt zu benötigen.

Das wurde mir bewusst. Also beauftragte ich erneut den Fachmann, der ganz zu Beginn den Eindruck vermittelte den Auftrag zum Aufräumen nicht haben zu wollen. Und da ich den Auftrag nun änderte in: „Können sie mir helfen, damit ich das aufräumen kann?“, war er dazu bereit. Tatsächlich hatte ich ein solches Chaos angehäuft, dass ein Fachmann nicht ausreichte und er sich darum kümmerte weiteres Fachpersonal einzubinden. Zeitweise waren 7 Fachleute abwechselnd im Einsatz. Immer wieder dachte ich mir: „Alter Falter, was hast du da nur für einen Mist gemacht!“ Doch das Fachpersonal machte keine Vorwürfe. Der Eine erklärte, was möglicherweise dazu geführt hatte, dass ich so den Überblick und die Kontrolle verloren hatte. Die Nächste war hervorragend darin, mir ein generelles Sortier-System zu vermitteln. Eine Andere half mir bei der schnellen Durchsicht der Papiere die einzelnen Dokumente in das Sortier-System einzuordnen.

Bis ich die generellen Gründe für das Papier-Chaos erkannt und das Sortier-System verstanden hatte, gingen fast 1,5 Jahre ins Land. Eineinhalb Jahre! Und erst dann konnte ich mit dem eigentlichen Aufräumen anfangen. In der Zeit hätte ich das ein oder andere Mal am Liebsten sowohl diese ‚Aufräum-Fuzzis‘ vor die Wand klatschen können, als auch diese Idioten, die offensichtlich in mein Büro kamen, weitere Papiere auf den Schreibtisch schmissen und die Papierstapel auf dem Boden noch mehr in Unordnung brachten. Wenn ich diejenigen erwischt hätte… Damit nicht jeder meinte, mein Büro als Ablage benutzen zu müssen, kam nun erst einmal ein Schild mit meinem Namen an die Tür. Nach dem Prinzip: „Ich bin hier verantwortlich!“

Das Sortier-System war gar nicht so kompliziert, wie ich es anfangs dachte. Nachdem die ersten paar Papiere grob überflogen worden waren und als zusammengehörig erkannt wurden, kamen sie in ein Hängeregister. Ihr kennt diese braunen Hängemappen aus verstärkten Papier?

Anfangs legte ich die jeweils angefangenen Hängeregister auf meinen Schreibtisch. Weiterarbeiten an den normalen Aufgaben war nach einiger Zeit aber nicht mehr möglich. Der Schreibtisch war einfach zu voll. Und das obwohl ich erstmal nur die Papiere auf dem Tisch durchschaute… Ich holte eine Box für die Hängeregister. Hinein damit, Deckel drauf, fertig. Die nächsten Hängeregister füllen… in eine neue Kiste… und dann ist mir immer wieder aufgefallen, dass das ein oder andere Schriftstück eigentlich in ein Hängeregister aus der ersten Kiste gehört… Ich fand dieses blöde Hängeregister einfach nicht, in das diese Papiere gehörten. Hätte ich den ‚Aufräum-Beratern‘ besser zugehört und mir etwas mehr Zeit gelassen, hätte ich nicht nochmal so viel Zeit investieren müssen. Sie hatten mir gesagt, dass es sinnvoll wäre, jedes neu angelegte Hängeregister genau zu benennen und außen mit einigen wichtigen Informationen zu beschriften.

Also habe ich nun noch einmal die erste Kiste geöffnet und auf die kleinen Schildchen der Hängeregister – wie von den ‚Aufräum-Beratern‘ angeregt – einen Namen und die Jahreszahlen geschrieben aus denen die Papiere darin stammten. Ich notierte mir die wichtigsten Informationen aus dem jeweiligen Zeitraum und fasste sie in wenigen Stichpunkten außen auf den Registern zusammen. Die Kiste mit den Registern beschriftete ich ebenfalls mit dem Zeitraum, der darin verstaut war. So ging es von einem Register zum Nächsten und eine Kiste nach der Anderen füllte sich so langsam. Über die nächsten Jahre schaffte ich so Ordnung in meinem Büro. Also… so was wie Ordnung. Denn anstatt lose herumfliegender Blätter stapelten sich nun die Kisten schier bis an die Decke.

Doch so manches Mal war ich echt genervt. Kaum war ich mal nicht da, nahm irgendwer irgendeine der Hängeregister aus einer der Kisten und pfefferte sie mir wieder auf den Schreibtisch. Meist mit einer Notiz wie: „Nicht richtig einsortiert“ oder „Noch nicht erledigt“. Und das ein oder andere Mal lag der Inhalt mehrerer Hängeregister wieder auf dem Tisch verstreut. Ist mir das auf den Keks gegangen! Wofür hatte ich denn meinen Namen an die Tür meines Büros geschrieben, wenn Hinz und Kunz an die Akten ging?

Ich fragte die ‚Aufräum-Berater‘, ob es nicht sinnvoll wäre die Kisten nicht nur mit einem Deckel zu verschließen, sondern entweder noch ein Schloss daran zu machen oder sie sogar in einen Schrank… na gut… mehrere Schränke einzuschließen. Sie machten mir klar, dass es noch nötig sei die geordneten Register zu überprüfen: „Welche Papiere müssen noch aufgehoben werden? Welche Unterlagen werden nicht mehr benötigt. Welche Unterlagen sind doppelt und dreifach vorhanden?“ Denn ohne eine solche Überprüfung war es ja nicht weniger geworden, was ich an Papieren gehortet hatte. Es war nur geordneter. Ich habe echt gedacht ich spinne! Ich hatte jetzt fast 3 Jahre gebraucht um dieses Grundordnung hin zu bekommen. Und nun sollte ich nochmal alles durchwühlen?

Aber es war echt eng in meinem kleinen Büro. Und auch wenn ich stolz war, nun alles in Kisten geordnet zu haben, war es nicht so hilfreich, wie ich mir erhofft hatte… Also ran an die Arbeit. Jeden einzelnen Karton wieder öffnen und jedes Hängeregister wieder anschauen. Einen Schredder bereitstellen für das doppelte und drei-, vier-, fünf-…. sechsfache. Nicht nur einfach hinschauen, sondern wirklich mit den Dokumenten auseinandersetzen und die Details erfassen.

Was haben mich diese Papiere gefordert. Oft war ich wütend. Sehr oft verzweifelt. Nicht mehr darüber, dass die Unordnung geherrscht hatte und über die Jahre so viele Papiere zusammen gekommen waren. Das hatte ich ja nun in ein gutes Ordnungssystem übertragen. Das was mich wütend machte und schier verzweifeln lies, war der Inhalt dieser Dokumente. Selbst wenn es das zigste Duplikat eines Dokumentes war, dass ich in die Hand nahm, versetzte mir der Inhalt jedes Mal einen Stich ins Herz und einen Schlag ins Gesicht. Egal von wem dort in diesen Akten berichtet wurde. Es erschütterte mich all dieses Elend zu lesen. Ich brauchte wieder fast 1,5 Jahre um damit klar zu kommen. Sowohl emotional als auch damit, zu entscheiden welche Dokumente nicht mehr benötigt werden. Die einzelnen Hängeregister waren nun nicht mehr ganz so bis zum Zerbersten gefüllt. Die Kisten etwas leichter. Aber an der Menge hatte sich nur minimal etwas geändert.

Ein weiterer Tipp des ‚Aufräum-Beraters‘, den er mir schon drei Jahre zuvor gegeben hatte, hatte es echt in sich: „Schauen Sie doch mal, von wem die Inhalte in diesen Hängeregistern berichten.“ Was sollte diese Frage? Es war doch klar! Das waren irgendwelche Akten mit Informationen aus dem Leben von irgendwelchen Personen. Da waren ja Namen, Jahreszahlen und sowohl sachliche als auch emotionale Informationen erfasst. Und offensichtlich war es halt meine Aufgabe – mein Job – diese Akten zu bearbeiten. Sehr sachliches abarbeiten. Aber sonst hatte ich damit doch nichts zu tun! Ich schob jede andere Möglichkeit so weit weg von mir, wie nur möglich.

Von wegen! Erst als ich in allen Akten die Details erfasst hatte, begriff ich auch emotional, dass es nicht irgendwelche Fallakten waren, die ich bearbeitete. Es waren die Fallakten meines Lebens! Es war ein Schock! Ich brauchte fast ein halbes Jahr um das zu verdauen und bereit zu sein unter diesem Gesichtspunkt einen Hängeregister-Wagen anzulegen, in den ich anfing das einzuordnen, was ich für mich annehmen konnte. Wieder jede Kiste öffnen, die aufgeräumten Register anschauen und sehen, welche Informationen ich in meinen Hängeregister-Wagen übernehmen konnte.

Die einzelnen Hängeregister in den Kisten hatten Namen – das war nicht so schmerzhaft, wie überall auf den ersten Blick in eine Register-Kiste Wörter wie „Angst“, „Hass“, „Trauer“, „Panik“, „Drohung“, „Gewalt“ oder „Missbrauch“ zu lesen. Ich wusste, dass zu einem Namen und den Jahreszahlen eine oder mehrere der genannten Emotionen und Erlebnisse gehörten und dass auf eine bestimmte Art und Weise damit umgegangen wurde. Ich fing sehr vorsichtig an, dennoch schlauchte es mich sehr. Es war eine extreme Belastung. Selbst diejenigen Namen, die ich mit Positivem wie „Urlaub“, „Lachen“, „Freude“, „Hoffnung“ oder „Mut“ in Verbindung zu bringen wusste, musste ich sehr sorgsam in mein Hängeregister einordnen. Nicht so mal eben hingeklatscht. Sehr viel mit Tränen – sowohl der Freude und Dankbarkeit, als auch mit Zittern bei den Namen, die für „Wut“, „Rache“, „Selbstzerstörung“ und anderen Dingen stehen.

Richtig herausfordernd war es für mich die Akten als die meines Lebens anzunehmen, die mit „Angst“, „Panik“ und „Missbrauch“ gefüllt waren. Über etwa zwei Jahre zog sich dieses umsortieren und für mich annehmen hin. Anstelle von Namen fanden sich nun ein bis zwei Stichpunkte zu meinem Themenblock auf den Schildchen der Hängeregister in meinem Hängeregister-Wagen. So wurde mir deutlicher, dass es meine Erlebnisse und Emotionen zu gewissen Lebensabschnitten waren.

Manches mal war ich sicher, gleich alles auf den Boden zu kippen und mit dem Fuß wieder richtig durcheinander zu treten. Und ganz oft war ich mir sicher, dass es nicht möglich ist, noch mehr in meinen Hängeregister-Wagen zu packen. Der Rest würde in Kisten daneben stehen bleiben.

Letztendlich ist es aber nun doch alles aufgeräumt und in diesen – meinem – Hängeregister-Wagen zusammengefasst. Mein Büro, mein Schreibtisch, mein Hängeregister-Wagen, mein Leben – alles was ich mit viel Herzblut und Aufopferung zusammengetragen und für mich angenommen habe. Und ich entscheide, welche Akte meines Lebens ich mir noch einmal anschaue oder wem ich einen Einblick dort hinein gewähre.

Tatsächlich weiß ich noch nicht immer, in welchen meiner Hängeregister ich die ‚Handbücher für bestimmte Fähigkeiten‘ einsortiert habe. Da suche ich zur Zeit noch etwas unkoordiniert und übe mich darin einen schnelleren Zugriff zu erlernen. Ich mache mir daher Notizen, die ich direkt an meinem ‚Schreibtisch‘ – bei mir, dort wo ich mich immer befinde – im Blick habe und so beim ‚finden meiner Fertigkeiten‘ immer zielsicherer werde. Mein Ziel ist es diese Fertigkeiten in ein eigenes Hängeregister zu packen, anstelle sie in den Themen aufzubewahren, in denen sie damals wichtig waren.

Aber ich weiß, in welchen Hängeregister ich meine Erlebnisse, meine Emotionen und Reaktionen der Vergangenheit aufbewahre. Diese kann ich ganz gezielt für mich abrufen und betrachten. Ohne dass mich die Vergangenheit überrollt, sondern mit einem gewissen Stolz, all das gemeistert zu haben und meine Überlebensstrategie so perfektioniert zu haben. Mit einer besonderen Dankbarkeit für Tipps der ‚Aufräum-Berater‘ – sowohl derjenigen, die das beruflich machen, als auch denen, die rein privat an meiner Seite waren und sind. Mit einer ausgeglichenen Zufriedenheit und Mut in Bezug auf Kommendes. Mit der Zuversicht immer einen Weg zu finden.


Wem es noch nicht aufgefallen sein sollte. Es handelt sich auch hier um ein Sprachbild, dass den Werdegang der eigenen Therapie und der persönlichen Entwicklung aufzeigt. Es ist eine Analogie zu Punkten, Konfetti, der Vase, Planeten, Splittern, dem Körperhaus oder ähnlichem. Es ist nie ein vollständiges Bild aller Details, dass sich so zeigen lässt, aber es ist hilfreich um die generellen Abläufe zu verdeutlichen.


Und nein, ich bin somit kein Uno. Werde ich auch nicht. Ein Uno kennt nicht die Funktionen eines Multis aus eigener Erfahrung. Ein Uno kennt nicht die Zerrissenheit des Selbst. Ein Uno kennt nicht die widerstreitenden Stimmen.

Ich bin ein zusammengesetzter Multi, der mit einer Fülle an unterschiedlichen Erinnerungen und Emotionen, sowie ohne weitere Stimmen sein Leben wieder einmal neu ordnet. Nicht mehr und nicht weniger.