Mein Werdegang

Ich möchte versuchen, meinen persönlichen Werdegang auch für andere nachvollziehbar darzulegen. eventuell findet sich der Ein oder Andere darum wieder oder kann es für seine eigene Situation ‚umbauen‘-

Vorab: Mir ist mittlerweile klar, dass die abgespaltenen Persönlichkeiten ’nur‘ ein Gerüst waren, dass mir half trotz des Erlebten weiterhin zu existieren. Mir ist somit auch bewusst, dass jede der genannten und von mir wahrgenommenen Persönlichkeiten, rein wissenschaftlich gesehen, immer zu mir gehörten. Ich habe im Laufe der Zeit verstanden, dass ich nur eine Person bin und die Abspaltung der einzelnen Gehirnregionen – also der Erinnerungen an die Taten, sowie auch der Emotionen – notwendig war um zu überleben. Es hat lange gedauert, um aus dem über Jahrzehnte erlernten Verhalten heraus zu kommen. Denn es bedeutete, dass ich für alles, was ich getan habe – egal ob ich es mitbekam und wie sehr es gegen meine persönlichen Grundsätze ging – voll-umfänglich selbst verantwortlich bin. Oft genug habe ich mich regelrecht gewunden um aus dieser Verantwortung heraus (bzw. erst gar nicht in diese Verantwortung) zu kommen. [Mit voll-umfänglicher Verantwortung meine aber ich nicht, dass ich dafür verantwortlich wäre, was man mir als Kind und Jugendlicher angetan hat.] Letztendlich konnte ich aber alle Emotionen, Erinnerungen und Fähigkeiten als Teil von mir annehmen. Einige Charakterzüge und auch Fähigkeiten will ich dabei aber bewusst nicht ausleben und andere versuche ich zu forcieren.

Vor der Therapie

Vor den Therapien war meine Wahrnehmung die Folgende: Ich bin da, es ist eine immer wieder mal brüllende Stimme da, eine weitere Stimme agiert wie ein Souffleur, ich habe Zeit- und Erinnerungslücken, ich ‚mogel‘ mich durch was die fehlenden Erinnerungen angeht und spiele es mit einem Scherz herunter. Das war für mich über die Jahrzehnte normal. Ich stellte es nicht in Frage, kam nicht auf die Idee, dass das bei anderen Menschen nicht so ist.

Ich war übrigens immer ein ziemlicher Angsthase, was für die späteren Therapien nicht gerade hilfreich war. Mir fehlte oft die Sachlichkeit, ich kam mir schwach – ja hilflos – vor und kam an positive Emotionen nicht wirklich heran. Aufgrund meines niedrigen Selbstwertgefühls ging ich Dinge oft erst sehr spät an: Schließlich war mir ja klar, dass ich es eh nicht schaffe oder nicht gut genug machen werde. Ich war früher nicht unbedingt von Herzen hilfsbereit – eher aus einem Pflichtgefühl heraus. Und ich habe Menschen alles andere als vorurteilsfrei behandelt. Und tatsächlich hatte ich mit Ehrlichkeit ein Problem. Ehrlich sein war etwas Aufgesetztes – nach dem Motto: „Wenn ich etwas nicht erwähne, ist es ja nicht gelogen und somit OK.“ Und ich redete alle in Grund und Boden – einfach um mich zu schützen. Ich war der Meinung, wenn ich rede, kann mir niemand etwas antun. Entscheidungen habe ich nur sehr selten unter bewusster Berücksichtigung von Emotionen gefällt, weil ich an die meist nicht heran kam – das führte oft zu Entscheidungen, die auch über die Grenzen und Emotionen anderer hinweg gingen. Ich musste immer alles beobachten und war dadurch andauernd angespannt.

Durch eine erneute Traumatisierung brach all das nicht weg, sondern wurde noch massiver. Die Erinnerungslücken wurden größer, andere wurden noch mehr in Grund und Boden geredet, ich hörte weitere Stimmen. Die Belastung führte nach einiger Zeit zu einem kompletten psychischen Zusammenbruch. Eine Kommunikation mit den Stimmen war nicht möglich und die Zeitlücken überfielen mich regelrecht.

Wenn eine bestimmte Kombination von Fähigkeiten, Eigenschaften, Erlebten und Erinnerungen aktiv war, waren alle anderen Fähigkeiten, Eigenschaften und Erinnerungen für diese Zeit nicht existent. Es waren gewisse Gehirnbereiche, bzw. die darin gelagerten Informationen einfach nicht verfügbar. Zeitgleich war ich in diesem Moment quasi nicht ‚anwesend‘ – damit meine ich, dass ich nicht mitbekommen habe, was in der Zeit passierte. Da durch die fehlenden oder aber auch nur diesem abgespaltenen Innen vorliegenden Informationen auch die Wertigkeit und Beurteilung aktueller Situationen in einem ganz anderen Licht standen, war für aufmerksame Außenstehende eben auch eine andere Person wahrnehmbar. Und für mich entstand eine zeitliche Lücke, die sich manchmal im Nachhinein (auf unterschiedliche Weisen) auffüllte und mir offenbarte, was für ein ‚Murks‘ in der Zwischenzeit geschehen war. Oftmals fehlte aber einfach Zeit.

Die Therapien

Beobachten

Während der Therapie habe ich alle meine damals abgespaltenen Innens kennengelernt. Das heißt ich lernte das kennen, was von mir abgespalten war. Meine verdrängten Erinnerungen und Emotionen.

Da alles so von mir getrennt war, war für mich die Annahme, dass dort andere Personen sind, absolut plausibel. Zusätzlich hörte ich ja Zeit meines Lebens im Innen Stimmen. Nicht etwa wie ein Gedanke, den ich mir hätte zuschreiben können, sondern so, wie ich Stimmen im Außen höre. Außerdem erleichterte es mir die Annahme, dass dort Andere sind, mit Verhalten klar zu kommen, das komplett gegen meine persönliche Überzeugung lief.

Ich hatte zwar weiter extrem viele Zeitlücken, aber immer öfter konnte ich mitbekommen, dass mein Körper etwas tat und ich einfach keine Handhabe dagegen hatte. Wenn also eine solche andere Kombination aktiv wurde, dann funktionierten immer häufiger meine Augen und meine Ohren – aber der Rest ging einfach nicht mit dem d’accord was ich wollte.

Anfangs löste das bei mir nur Panik aus. Im Laufe der Zeit nutzte ich diese Zeit der Beobachtung um die jeweiligen Hintergründe des Handelns zu verstehen. Aber letztendlich war ein auf mich einstürmen, dass mich ziemlich hilflos machte.


Namensgebung

Ich gab gewissen Kombinationen von Fähigkeiten, Eigenschaften, Erlebten und den dazugehörigen Erinnerungen einen Namen. Nicht immer in dem Sinne, dass ich ihn ausgesucht hätte – oftmals war der Name einfach präsent. Ein Name war somit für mich mit diesen Dingen verbunden.

Die Namensgebung erleichterte mir die verschiedenen Fähigkeiten, Eigenschaften und Erinnerungen nicht mehr nur in Panik zu betrachten. Ich machte mir Bilder dazu, um das ‚Wesen‘ das aus diesen Dingen entstanden war besser zu verstehen und um das Leid, die Angst, die Trauer und vieles andere betrachten zu können. Nicht etwa um davor zu erschauern, sondern um einen sinnvollen Umgang finden zu können.

Das war der Zeitpunkt wo ich grundsätzlich verstand, dass jeder Name letztlich ein von mir abgespaltener Teil ist. Etwas, was ich verdrängt hatte, weil es zu schlimm war, als dass ich damit hätte weiterleben können. Es war der Moment wo Integration im Sinne von Kommunikation mit meinen anderen Gehirnbereichen generell als Möglichkeit verstanden wurde. Aber eine Annahme war nicht vorstellbar – eine Kommunikation verstand ich als Möglichkeit die Situation für mich zu verbessern ohne dabei die Verantwortung für das handeln ‚des anderen‘ übernehmen zu müssen.

Zum Beispiel ist es mir leichter gefallen zu sagen: „Flo hat Missbrauch erlebt, sieht andauernd Blut an seinen Beinen herunter laufen, hat ständig Schmerzen und ist daher völlig verstört“, als zu sagen, dass mir diese Dinge passiert sind. Dadurch, dass ich einen Name für diese Erinnerungen und Geschehnisse hatte, brauchte ich Handlungen nicht mehr zu begründen: „Das und das ist geschehen und deswegen wird so und so gehandelt“. Ich konnte einfach sagen „Flo hat heute…“ Damit war klar, dass die aktuellen Handlungen aufgrund dieser Erlebnisse und Wahrnehmung heraus erfolgten… und ich musste mich nicht nur schlecht fühlen, wegen meines (gefühlten) ‚Versagens‘. Es war sein Problem.

Für den Moment machte mir das mein Leben etwas leichter, aber je länger ich so agierte, desto mehr führte diese Haltung zu Problemen. Denn ‚Flo‚ fühlte sich dadurch schlecht gemacht, im Stich gelassen und er fühlte sich wieder als Opfer. Das rächte sich dann durch viel häufigere Wechsel, seltenere Beobachtungsmöglichkeiten und größere Zeitlücken. Durch meine Einstellung verstärkte ich quasi die Dissoziationen – triggerte mich andauernd selber.


Andere Herangehensweise

Später entschied ich mich, so auf ‚Flo‚ einzugehen, wie er es sich damals gewünscht hätte, dass man sich um ihn kümmert. Es wurde ruhiger im Innen. Seine Stimme war weiter zu hören – aber nicht mehr so alles übertönend. Als Nächstes konnte ich ‚Flo‚ als mich in der damaligen Zeit begreifen und verstehen wie es mich im Heute noch beeinflusst. Erst im Laufe der Zeit konnte ich das Geschehene für mich selbst annehmen und so wurde diese Abspaltung unnötig. Mit aller mir zur Verfügung stehenden Liebe und Wärme – allen positiven Emotionen – nahm ich ihn als Teil von mir an und bewahre seine Erinnerungen, Wünsche, Emotionen und Hoffnungen in mir selbst auf.

Genau auf die gleiche Weise ging ich mit jedem anderen abgespaltenen Innen vor:

  • Verstehen welche Eigenschaften und Fähigkeiten bei ihm vorhanden sind,
  • ihm (und mir) die Ansprache mit einem Namen zu ermöglichen,
  • herausfinden was er erlebt hat,
  • herausfinden wie es ihn beeinflusst,
  • herausfinden was er benötigt hätte um damals mit der Situation klar zu kommen (bzw. was er heute benötigt um den Kreislauf zu durchbrechen),
  • im Heute für diese Dinge in passender Weise zu sorgen,
  • diesen Innen als mich in der jeweiligen Zeit/Situation und damit auch das Geschehene als von mir erlebt begreifen,
  • bereit sein die Abspaltung aufzugeben und voll-umfänglich für ihn Sorge zu tragen und die Verantwortung zu übernehmen.

Ich war in 85 Teile aufgesplittert – jeder einzelne war komplett losgelöst von mir und für keinen empfand ich Anfangs Verantwortung. Erst recht kein Verständnis: „Wie konnte man nur zugelassen haben, dass einem so etwas passiert? Wie konnte man selbst dann auf grausame Weise handeln?“ Mitgefühl Fehlanzeige!

Von dieser dauerhaft negativen Einstellung zu einer fürsorglichen, liebevollen, verständnisvollen und warmherzigen Art zu kommen, war alles andere als leicht.


Ich möchte im folgenden aufzeigen, wie ich mich als fusionierter Multipler verstehe – also was mich zu dem macht, was ich bin.

Wer ist Teil von mir und macht somit mich aus? Alle Eigenschaften, Emotionen und Erinnerungen, die vormals nur in abgespaltenen Persönlichkeiten vorhanden waren, machen mich aus. Sie sind Teil von mir und bereichern meine vorher nutzbaren Fähigkeiten und Eigenschaften. Hier soll es nun um einige Hintergrundinformationen zu ein paar wenigen vorher abgespaltenen Innens und der Auswirkung der Fusion aus meiner Sicht gehen.

Nochmals: Ich weiß um die wissenschaftlichen / medizinischen Belange genauso wie um meine persönliche Wahrnehmung zur damaligen und zur heutigen Zeit. Ich zeige hier wie bereits geschrieben, meinen (gefühlten und selbst wahrgenommenen) Werdegang auf. Wissenschaftlich kann man darüber sicher noch einmal ganz andere Bücher schreiben – was die Vernetzung von Gehirnbereichen und Neubildung von Neuronen angeht sowie die Wahrnehmung von Stimmen im Kopf. Hierzu nur der Verweis auf eine Studie von 2019 in der es heißt: „Unser Gehirn besitzt die Fähigkeit zur kontinuierlichen Verbesserung, Anpassung und Integration neuer Zellen“* sowie ein Kommentar von Professor Dr. Peter ­Falkai: „Bei (akustischen) Halluzinationen handelt es sich um eine neuronale Enthemmung im Gehirn. Informationen, die sich eigentlich im Gedächtnisspeicher befinden sollten, geraten dabei ungefiltert ins Bewusstsein.“*

Abgespaltene Eigenschaften

Sachlichkeit

Ich hatte lange Zeit Sorge, dass keine Sachlichkeit mehr vorhanden wäre, wenn ich diese Innens für mich annehmen würde. Das ‚Lustige‘ ist, dass ich dagegen bei aggressiven oder anderen scheinbar negativen Eigenschaften dachte, ich sie würden durch eine Annahme verstärkt. Erst als meine emotionale Einstellung änderte, konnte ich diese Angst ablegen. Irgendwann begriff ich, dass sie so sachlich waren, um sich mit den damaligen Emotionen nicht auseinander setzen zu müssen – genau so handelte ich ja. Ich spaltete Erinnerungen ab und von diesen Sachlichen waren die Emotionen abgespaltet.

Früher war z.B. der Computerbereich so abgespalten, dass in dem Moment, wo Technik angesagt war, nur noch der Computerfuzzi – den ich ‚bugi ‚ nannte – mit einem exorbitanten Wissen aktiv war. All die positiven anderen Eigenschaften und Interessen von mir waren in diesem Moment dann weg.

Ich bin mittlerweile nun aber selbst auch sachlich und analytisch. Wenn diese Sachlichkeit nun in mir besonders hervorblitzt, wirkt das sicher klugscheißerisch. Aber das ist gar nicht meine Intuition dahinter. Es ist Wissen vorhanden und das möchte ich anwenden. Es ist Wissen über alles Mögliche vorhanden. Sortiert, katalogisiert und mit Querverweisen versehen. Manchmal treibt mir das regelrecht Schwindel in den Kopf. Durch das Fachwissen im Bereich PC und Technik im Allgemeinen habe ich aber auch schon oft anderen helfen können.

Stärke

Es gab eine ganze Reihe von Innens, die sich selbst als sehr stark wahrnahmen. Körperlich stark. Ihr Schutzmechanismus gegen erneute Übergriffe war regelrechte Unbesiegbarkeit.

Der Kraftprotz – ich nannte ihn immer ‚Commander‚ – zeigte sich in einer scheinbar gefährlichen Situation, es wurde sich aufgebaut und gehandelt. Ein Herumbrüllen oder Drohungen aussprechen gab es bei ihm aber nicht. In solchen Situationen war ich eigentlich kein Hau-Drauf-Typ – eher jemand, der sich hinter schweren Mauern verbarrikadierte. So flogen einmal Pflegebetten durch die Gegend um den Zugang zum Zimmer zu blockieren und in Sicherheit zu sein. Diese Starken waren nicht pauschal aggressiv. Sie wirkten auf mich immer wie Beschützer. Jetzt schätze ich selbst durch die erlangten Fähigkeiten ziemlich achtsam ein, ob etwas eine Gefahr darstellt oder nicht. Ich kann auch Dinge schleppen, die ich als viel zu schwer ansehen und bei denen ich früher direkt aufgegeben hätte. Allerdings kommt es dadurch dann auch dazu, dass ich meinen Körper zu stark belaste, was sich im Nachhinein rächt. Aber es gibt mir ganz viel Sicherheit, zu wissen, dass in einem Notfall wahnsinnige Kräfte aufgebracht werden können. Und dass obwohl ich tatsächlich mehrere körperliche Einschränkungen habe.

Hilfsbereitschaft

Es hat hier immer sehr viel Hilfsbereitschaft gegeben – sowohl im Innen als auch gegenüber anderen im Außen. Oftmals aber aus einer Pflicht heraus. Doch es gab auch andere, die es Emotional betrachteten. Es war gar nicht so leicht, diese Helfenden für mich anzunehmen. Zum Einen weil dort vieles eben mit Emotionen einherging, zum Anderen weil ich auch hier dachte, dass ohne diese völliges Chaos im Innen ausbrechen würde. Ich traute mir nicht zu, die notwendige Emotionalität an den Tag legen zu können.

Haika‚ nannte ich die friedvollen und liebevollen Eigenschaften, die es entweder ganz oder gar nicht gab. Diese Eigenschaften, auf die ich nun bewusst Zugriff habe, helfen mir heutzutage bei Situationen die Trauma-nah sind, mit Wärme und Ruhe auf mich und meine Bedürfnisse zu achten.

Niu‚ stand für Intuition. Diese Eigenschaft hilft mir nun auch mal Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen und mich dabei von moralischen Grundsätzen leiten zu lassen. Ich kann mittlerweile an ganz vielen Personen im Außen Positives sehen und neige nicht mehr so sehr dazu, vorwurfsvoll zu sein.

Als ‚Inola‚ bezeichnete ich ††die Furchtlosigkeit. Durch diese gewonnene Eigenschaften konnte ich meine unkontrollierten Ängste vor vielen Triggern überwinden. So z.B. Nebel, der für mich ein großer Trigger war oder auch dunkle Schatten im Wald. ††

Als ‚Enia‚ habe ich †die Wachsame und sehr Direkte benannt. Mittlerweile kann ich die Umwelt beobachten ohne dabei angespannt zu sein. Und ich habe gelernt meine Meinung zwar sehr direkt zu sagen, aber verfalle dabei nicht pauschal in Aggressivität.

Aggressivität

Damit komme ich dann auch zu dieser Gruppe. Es war mit die schwerste Aufgabe für mich, denjenigen, die im Innen wie Außen durch Aggressivität und Brutalität auffielen, anzunehmen. Ich hatte oft den Gedanken: „Wenn mir doch so etwas angetan wurde, kann ich doch nicht mit gleicher Münze heimzahlen.“ Oder ich bekam im Innen Panik vor mir selbst: „Wie kann ein Teil von mir so sein? Ich bin doch nicht etwa so?!“ Erst im Lauf der Zeit verstand ich die Schutzfunktionen dahinter.

Urod‚ nannte ich einen aggressiven Jugendlichen, in dem sehr viel Wut über die vergangenen Taten brodelte. Als abgespaltener Innen bestand der Zweck darin, andere zur Weißglut zu reizen, damit die Maske des Gegenübers schnell bröckelt. So konnte entweder die eigene Wut ausgelebt oder das Gegenüber zumindest bloßgestellt werden. Ich habe gelernt, dass diese Aggressivität aufgrund des Erlebten durchaus verständlich ist – aber sie heute auf völlig unbeteiligte Personen los zu lassen, wäre nicht gut. Und als ich mich darauf einließ für ‚Urod‚ Sorge zu tragen und ihm die Aufmerksamkeit zu geben, die er brauchte, konnte ich ihn beruhigen und für mich annehmen. So konnte ich dann diese jugendliche Aggressivität abmildern und die mich auffressende Wut über die vergangenen Taten ablegen.

Einen anderen nannte ich ‚Abbas‚. Er führte massive Selbstverletzungen durch – allerdings nicht mit dem Gedanken, dem Körper zu schaden. Vielmehr war der Gedankengang: „Wenn der Körper zerstört ist, dann ist er für Täter uninteressant“. Im Laufe der Therapie war es möglich, diese Denkweise nachzuvollziehen und klar zu machen, dass es heute nicht mehr nötig ist, so zu handeln. So konnte ich diesen Handlungsweise aus der Vergangenheit für mich annehmen. Dadurch glätteten sich die Wogen und die Selbstverletzungen konnten Stück für Stück abgelegt werden.

Früher sah ich ‚Kribalg – das Biest‚ als absolut unkontrollierbaren Problemfall an. Früher habe ich vor allem Möglichen Angst gehabt – aber ausgerechnet die Dinge, die tatsächlich gefährlich waren, habe ich nicht so wahrgenommen. Tatsächlich ist diese Alarmanlage immer im Hintergrund aktiv gewesen und hat mich regelrecht angebrüllt. Ich wollte sie aber nicht hören – nicht darauf reagieren, sondern machte das Gebrülle oft für meine Angst verantwortlich. Erst durch die Therapie habe ich verstanden, dass diese brüllende Alarmanlage als Schutz da war. Nun habe ich eine sehr gut funktionierende Alarmanlage für mich dazu gewonnen. Wenn irgendwo eine wirkliche Gefahr droht, bemerke ich sie extrem schnell.

Es gab noch weitere aggressive, gemeine und auch gefährliche abgespaltene Innens. Wenn diese aktiv waren, war es wahrhaft unkontrollierbar. Oftmals dachte ich, ich würde zu einem ‚Monster‘ werden, wenn ich diese als Teile meiner Persönlichkeit annehme. Ja, ich habe manchmal eine gewisse Aggressivität in mir – es kocht bei aktuellen Erlebnissen dann kurzfristig in mir hoch. Aber immer öfter kann ich diesen Druck auf ‚harmlose‘ Weise abbauen. Atemübungen und Achtsamkeit – verstehen, was gerade diese Aggressivität auslöst. Ich versuche nicht gemein zu sein, da es mir selbst im Innen auch nicht gut tut, wenn ich diese Eigenschaft an den Tag lege. Selbst-verletzende und Gefährliche Eigenschaften sind durch die Annahme und Vermischung so abgemildert, dass der Drang danach nicht mehr besteht.

Traumatisierung

Die vielen abgespaltenen Traumatisierten konnte ich nur für mich mit allen Emotionen und dem Erlebten annehmen, weil ich auf die helfenden Eigenschaften zurückgreifen konnte – weil ich viele positive Emotionen in mir zuließ. Mit Traumatisierten meine ich die Innens, die völlig in der erlebten Situation als Opfer fest hingen und keinen anderen Umgang als Panik, Weinen oder Starre für sich gefunden hatten. Sie erlebten immer und immer wieder das Damalige erneut. Letztendlich durchlebte ich es immer wieder.

Diese für mich anzunehmen, war auf andere Art sehr schwer, wenn ich das mit den Aggressiven vergleiche. Ich selbst fiel immer wieder in Panik oder in tiefste Traurigkeit und war dann wie gelähmt, wenn ich mich mit den damaligen Geschehnissen direkt auseinandersetzte. Doch irgendwann verstand ich, dass ich traurig und entsetzt sein kann ohne in die Lähmung verfallen zu müssen. Und dann konnte ich für diese abgespaltenen Innen da sein. Ganz vorsichtig, ganz langsam. Extrem achtsam.

Heute sind einige ehemals sehr starke Trigger zwar weiter emotional schwierig für mich, aber sie lösen nicht die Panik aus, wie es früher der Fall war. Ich konnte zu einer hoffnungsvolleren Grundhaltung kommen und überzeugt nach Innen darlegen, dass es nie mehr solche Übergriffe geben wird. Die Traumabelastung zeigt sich weiterhin, wenn gewisse Trigger auftreten und es ist dann noch herausfordernd mich selbst zu beruhigen. Aber durch die hoffnungsvollere Grundhaltung konnte ich alle schlimmen Erlebnisse als meine annehmen und finde bisher fast immer einen positiven Ausweg.

Emotionen wie z.B. Traurigkeit und Mitgefühl sind in einer Tiefe bei mir vorhanden, dass es mich oftmals regelrecht umhaut. Im Nachgang betrachtet ist dieses ‚Umhauen‘ aber durchaus positiv, denn es verhindert, dass ich mit verschlossenen Augen durch die Welt gehe oder total abstumpfe.


Wie bin ich heute?

Ich als derjenige, dessen Name im Ausweis steht, identifiziere mich mittlerweile nicht mehr nur als ein Bruchstück des Ganzen. Ich bin das zusammengefügte Ganze und als solches repräsentiere ich mich und all die Facetten meines eigenen Innens nach Außen. Ich habe mich auch in der Vergangenheit als Repräsentant für das System verstanden und mir wurde letztendlich klar, dass ich verantwortlich bin. Repräsentant & Verantwortlicher. Es gab einige Dinge, die mich ausgezeichnet haben, bevor es zu der finalen Fusion kam.

Ich bin Ehemann, Vater und sehr religiös (Mein Glaube ist im Übrigen nicht Ursache oder Auslöser der traumatischen Erlebnisse, sondern hat mir in vielen Belangen geholfen positiv nach vorne zu blicken). Ich bin familiär und sehr kommunikativ (zum Leidwesen einiger Mitmenschen). Ich finde eine gesunde, ausgewogene Ernährung wichtig und mag es, selbst Lebensmittel zu erzeugen. Tomaten ziehen, Wurst (zur Zeit ernähre ich mich pescetarisch und daher ist Wurst ‚raus‘) und Käse herstellen, Brot backen und das gemeinsame Kochen mit meiner Frau sind Dinge, die mir Freude bereiten. Doch da meine Kraft ziemlich begrenzt ist, muss ich leider das ein oder andere immer wieder mal etwas ruhen lassen. Ich höre gerne Musik und nutze den Computer für verschiedene Dinge. Gerne sitze ich mit Freunden gemütlich zusammen – dabei muss es nichts kompliziertes zu Essen geben und spontane Besuche sind meiner Frau und mir am Liebsten.

Meine größte Schwäche ist das Erkennen und Einhalten von Grenzen – Wenn Dinge angepackt werden, werden sie bis zum bitteren Ende durchgezogen. Schnell entwickelt sich aus allem eine regelrechte Sucht. Dank erlernter Achtsamkeit und Unterstützung durch meine Frau werde ich da aber immer wieder ‚eingenordet‘.

Einige Dinge, die früher nur abgespalten vorhanden waren, sind nun zusätzlich zu meinen Eigenschaften geworden. Ich bin quasi bereichert worden und einige nicht gerade erstrebenswerte Eigenschaften wurden so etwas abgemildert.

Meine Eigenschaften

Ich kann mittlerweile selbst helfend, schützend, alltagsbewältigend, analysierend, stabilisierend, beobachtend, hoffend und immer öfter ausgleichend sein. Dabei versuche ich aufrichtig, ehrlich, liebevoll, ruhig, sachlich und friedvoll zu sein. Familiär, heilsam, rein (ich sehe mich nicht mehr als schmutzig und wertlos an!), intuitiv und wachsam sein – all das sind positive Eigenschaften, die ich Stück für Stück selbst an den Tag legen kann.

Furchtlos und dabei kraftvoll zu sein oder aber auch kindlich, schnell zu frieren, sehr kommunikativ oder aber auch schweigsam zu sein, bewerte ich nicht mehr als negativ und ich habe es als Teil von meinen Eigenschaften angenommen.

Die aggressive Seite – weil Trauma-belastet oder ängstlich, ist auch in mir. Natürlich sind diese Charaktereigenschaften durchaus berechtigt, bzw. haben ihre verständliche Ursache. Sie sind nun aber viel gemäßigter als früher, nicht mehr in unbändiger, unkontrollierter Wut oder wildem Hass. Es ist nicht mehr dieses dauerhafte grollen und zornig sein über all das, was gewesen ist.

Tatsächlich ist ‚Helfen‘ die Eigenschaft, die bei mir am häufigsten vorkommt. Das ist auch der Grund, warum ich so gerne anderen mit Informationen und auf andere Weise Unterstützung zukommen lassen möchte. Dieses ‚Helfen‘ ist aber genauso auch nach innen bezogen. Da aber das ‚ausgleichende‘ Element manchmal dann doch noch nicht mitschwingt, ist es durchaus so, dass durch dieses ‚Helfen‘ die eigenen Grenzen (sowohl der Leistungsfähigkeit als auch der emotionalen Belastbarkeit) überschritten werden.

Ich bin insgesamt durch die Annahme aller Traumata viel aufmerksamer geworden – feinfühliger für das, was Menschen bewegt. Und Traumata anderer Menschen machen mich auf andere Art ‚betroffener‘ als früher.

Alles sachliche Analysieren fährt manchmal ungebremst vor die Wand. Nämlich dann, wenn ich mich in meiner Ängstlichkeit total überfordert fühle. Dann ist es erst einmal nötig für Sicherheit zu sorgen – also liebevoll und ruhig auf meine Bedürfnisse einzugehen. Das ist mir so auch erst seit der Annahme der einzelnen, vormals abgespaltenen, Innens möglich. Früher war auf mich selbst achten faktisch nicht machbar – ich fand, dass es mir nicht zusteht.

Es kommt weiter vor, dass ich in einer ernsthaften Situation kindlich oder albern reagiere. Und ja, es fällt mir extrem schwer das dann nur richtig dosiert zuzulassen oder sogar zu unterbinden. Ganz ‚blöde‘ Kombinationen sorgen dann durchaus mal dafür, dass ich als chaotisch oder uninteressiert rüberkomme. Manches mal scheine ich dadurch ein Klugscheißer und das nächste mal dagegen total unfähig zu sein.

Es kommt nur noch extrem selten vor, dass meine nun verfügbaren Charaktereigenschaften durcheinander purzeln und nach Außen ungefiltert herausplatzen. Mehrere sachliche Eigenschaften kann ich oft gut für den Außenauftritt kombinieren. Mehrere emotionale Eigenschaften ergänzen sich oftmals gut um mit sich selbst und anderen verständnisvoll(er) umzugehen. Wenn bei mir zur Zeit etwas kollidiert, lässt es sich meist auf Sachlichkeit vs. Emotionalität eingrenzen. Und das weiter in Einklang zu bringen ist eines meiner Ziele.


Ich weiß um meinen Werdegang – ich war ganz, erlebte Schlimmes, zerbrach daran, wollte nichts davon wahrhaben und brauchte lange um mich wieder zusammen zu setzen.

Die großen Unterschiede gegenüber früher als aufgespaltene Persönlichkeit bestehen unter anderem darin, dass ich die Verantwortung für mein Handeln nicht mehr an andere im Innen abschiebe, dass ich nicht hin- und her pinge, dass ich total viele Emotionen intensiv spüre, dass ich seitdem kein unkontrollierte Panik mehr bekommen habe, dass ich seltenst in eine Dissoziation rutsche weil ich vorher auf mich achten kann, dass mich mit mir selbst im Reinen fühle und dass ich keine Stimmen mehr höre.

Nur in der Kombination aller Facetten kommt eine Ausgeglichenheit zustande, wie sie mein Wunsch ist. Natürlich bin ich alles andere als perfekt und habe an mir zu arbeiten. Und natürlich passiert es mir trotz der finalen Fusion, dass ich unausgeglichen bin.