Wie ich mich selbst verstehen gelernt habe

Ich habe mich entschieden, meinen persönlichen Werdegang noch einmal überarbeitet aufzuschreiben – einfach weil viele Details im Verständnis nun anders sind und ich denke, dass es so auch für den Leser deutlicher wird. Es wurden verschiedene Beiträge zusammengefügt um diesen Beitrag öffentlich zugänglich zu machen. Als Basis diente ein geschützter Beitrag, der bereits mit Kommentaren das Thema weitergeführt hat.


Mir wird immer klarer, dass all die Dinge der Vergangenheit mir – meinem Körper – passiert sind und der Verstand das kompensieren musste. Es konnte nicht getragen werden, daher brauchte ich das ‚Gerüst‘ der Vielen von Kindheit an. Und heute schaffe ich es dank all der guten Therapien und der vielen Fortschritte, aus diesem ‚Gerüst‘ heraus – obwohl mein Verstand über Jahrzehnte so geprägt war.

Das ist nicht tragisch, es ist einfach eine Feststellung.

Aber eines ist mir klarer denn je: Ich trage die Verantwortung für jede Handlung der Vergangenheit die ich und all diese anderen Teile von mir ausgeführt haben. Und ich trage vor Allem die Verantwortung für das Handeln ab diesem Moment, wo ich es begriffen habe.

Am 23.01.2019 konnte ich die vollständige Fusion erreichen, aber ich musste lange Zeit auf das ‚Gerüst‘ (finde ich besser als das Wort ‚Konstrukt‘) der abgespaltenen Persönlichkeiten von zugreifen um lebensfähig zu bleiben. Ich konnte es trotz allem theoretischen Wissen über lange Zeit nicht vollständig ändern. Ich war es gewohnt so zu denken, mein Gehirn arbeitet auf genau diese Weise. Und ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, ob es möglich wäre komplett aus einem Guss zu bestehen. Ich bin ich. Mit den vielen Stimmen im Innen und den Auswirkungen im Außen – damals und ohne die Stimmen heute. Ohne die Stimmen wäre ich wohl anders geworden und so prägen sie auch jetzt – wo sie nicht mehr da sind – noch mein Ich.

Ich will nicht (mehr) von meinen Grundsätzen abweichen. Prinzipien, die ich mir bewusst hart erarbeitet habe und die teilweise konträr zu dem stehen was Einzelne in mir früher als erstrebenswert ansahen. Zu der Zeit, als ich mich nicht als etwas Zusammengehöriges oder gar eine Person ansah, sondern als völlig Losgelöstes – als etwas das komplett außerhalb meiner Kontrolle und Verantwortung liegt – zu dieser Zeit wurden ohne Ende (und auch lange ohne Reue) Handlungen durchgeführt, die ein absolutes No-Go sind. Sowohl von der jetzigen Überzeugung aus gesehen, als auch rein (zwischen-) menschlich.


Jetzt mag der ein oder andere sagen: „Reue? In welchem Jahrhundert leben wir denn?“ Naja, viele Opfer wünschen sich, dass die Täter wirklich Reue empfinden, für ihre Schuld einstehen und so viel wie möglich Entschädigung leisten. Klar kann niemand die Vergangenheit damit ausradieren. Geschehen ist geschehen. Aber jemand der echte Reue zeigt, wird möglicherweise alles unternehmen um in Zukunft nie wieder solche Schäden anzurichten. Aber die Reue des Täters bringt nicht automatisch die Vergebung der Opfer mit sich. Vielen Opfern ist eine Vergebung aufgrund der Belastungen gar nicht möglich.

Wenn ich als Opfer von Tätern aber Reue erwarte, wie kann ich dann sagen: „Was die in mir – meine Innens – tun, da kann ich nichts für und dementsprechend ist es mir auch egal und ich bereue nichts!“? Es geht mir nicht darum, diejenigen zu verurteilen, die sich in einem anderen Status befinden als der, den ich momentan erreicht habe. Ich habe früher genau so gedacht, wie oben zitiert!

Bei mir sind oftmals Dinge geschehen die weit über die Grenzen anderer im Innen und Außen gegangen sind. Gerade zu der Zeit, wo die Erkenntnis über das Innen noch nicht so gegeben war. Diese Dinge bereue ich. Für mich und mein Innen. Auch ich kann dadurch für andere und mich nicht die Vergangenheit wegwischen. Aber ich konnte einen für mich umsetzbaren Abschluss damit finden.

Aber ich bin auch nur ein Mensch mit sehr vielen Schwächen und Fehlern, der zudem stark durch die Vergangenheit geprägt ist. Aber ich bin bereit zu lernen und zu entscheiden was für mich das Richtige ist. Und ich versuche dabei meine Grenzen oder anderer im Außen nicht mehr zu verletzen.

Der wichtigste Mensch hier auf Erden für mich sagte vor kurzem:

„Dem Körper wurden schlimme Dinge angetan, was dazu führte, das du in viele Teile zersplittert bist. Dass durch das Zusammenfügen nun viele Dinge wieder in dir vereint werden, ist klar. Dass da auch negatives dabei ist, auch klar. Ich hab eine wahnsinnige Hochachtung vor dir, dass du dich immer wieder diesen Herausforderungen stellst.“

Ionovia

Trotz aller Zweifel, den Ängsten und Negativem, die weiter in meinem Innen sind, versuche ich weiter das für mich anzunehmen.


In dem Beitrag über die Echtheit von Innens habe ich das Beispiel der Vase aufgeführt und zusammen mit anderen Lesern noch weiter entwickelt. Dieses ‚Konzept‘ ist an sich bestimmt gar nicht neu – ich bin mir sicher, irgendwer wird das schon mal auf die ein oder andere Weise verwendet und eventuell auch ähnlich dargelegt haben. Eventuell als Puzzle, Scherben oder in anderen Sprachbildern (ein paar Sprachbilder, die ich für mich selbst verwendet habe, sind öffentlich zu finden). Nun ist es so, dass dieses Bild bei mir dafür gesorgt hat, dass noch einmal genauer hingeschaut wurde… sich mit der ganz persönlichen Vase noch intensiver auseinander gesetzt wurde.

All die vorher beschriebene Erkenntnis hat das Bild der Vase – meine Selbstwahrnehmung – verändert. Ich verstehe mich besser – anders. Ich sehe mich quasi eine Vase 2.0 RC3. Was meine ich damit?

RC = Release Canditate, ist ein Begriff aus der Software-Entwicklung und bedeutet, dass ein Produkt noch nicht komplett fertiggestellt ist, aber eine weitere Entwicklungsstufe erreicht wurde.

Beim genauen hinschauen wurde mir einiges klar und es wurde für mich nötig, die Vase optisch darzustellen. Nun ist es gar nicht so einfach gewesen, eine Vase zu finden, die hier im Innen mit „Ja, die passt“, abgesegnet werden konnte. Aber es gelang nach längerem Suchen.

Vase 1.0 - Das Ursprungskind
Vase 1.0 – Das Ursprungskind

Das war die ursprüngliche Vase. Die Form der Vase ist von einem Kern vorgegeben – so als ob der Ton um eine Form gelegt / gegossen worden wäre. Bei mir sind das 5 Grundeigenschaften, die dem Ursprungskind seine Form gaben.

Im Übrigen ist nach meiner Auffassung dieser innere Kern viel wichtiger, als der äußere Eindruck. Ja, die inneren Werte sind im Vase-Model tatsächlich in dem Hohlraum zu finden. Er scheint leer zu sein. Die meisten Menschen mögen das wohl denken, wenn sie eine Vase ohne Inhalt sehen. Doch tatsächlich ist dort etwas drin. Luft! Luft zum Leben und Atmen.

Der sogenannte ‚Kern‘ ist hier also nicht etwa eine feste Masse, sondern weist wahnsinnig viele Eigenschaften auf. So wie die reale Atem-Luft eine ganz spezifische Zusammensetzung hat, die je nach örtlicher Umgebung und aktuellen Wetterverhältnissen etwas unterschiedlich ist, so ist auch das innere der Vase ganz individuell. Doch dieser ‚Kern‘ kann so vieles!

Schon einmal versucht ein Glas im Vakuum zum Klingen zu bringen? Es ist nicht möglich. Die Luft sorgt dafür, dass der Klang übertragen wird. Die Luft wird in Schwingung gebracht und bringt so den Klang zu dir. Ohne die Luft kein Klang. So kann der Innere Kern auch den äußeren Menschen zum ‚Klingen‘ bringen. Die ‚inneren Werte‘ zeigen sich im Außen. Und gleichzeitig ist jedes einzelne Teil der Vase diesem Kern gleich nahe – kann also von diesem Kern beeinflusst werden.

So ist es auch ein Ziel, noch besser mit meinem Kern in Einklang zu kommen. Ein Kern mit einer ganz individuellen, ausgewogenen Zusammensetzung:

Güte – Wissen – Weitsicht – Weisheit – Macht

Diese erste Vase als Ganzes war das Ursprungskind – die Vase 1.0.

Die Entwicklung der Persönlichkeit ist wie das Bemalen der Vase mit einem ganz individuellen Muster. Tatsächlich ein sehr einfaches Muster zu jener Zeit. Kinder (oder zumindest ich) sind offensichtlich nicht so kompliziert gestrickt. Durch die Traumata bekam diese Gesamtpersönlichkeit immer mehr Risse und um im Außen weiter zu funktionieren, wurde die ganze Vase mit einer stabilisierenden Glasur überzogen. So konnte der Körper weiter agieren, als wäre die Persönlichkeit aus einem Guss, während im Innern quasi alles zerbrochen war – Vase 1.1. Das ganze Leben entstanden aber mehr Risse durch weitere Traumata, so dass die Stabilität immer weiter abnahm. Es gab immer wieder Punkte, an denen durch neue Traumata weitere Bruchstücke entstanden. Diese standen mal mehr, mal weniger hervor und zeigten ihre Teils sehr scharfen Kanten nach Außen. Es entstand so immer eine Vase die immer mehr als zersplittert wahrzunehmen war.

Vase 1.1 Die angeknackste Persönlichkeit
Vase 1.1 Die angeknackste Persönlichkeit

Als es 2007 zu gravierenden einer Re-Traumatisierung kam, war es, als ob die Vase herunterfiel. Die bereits vorher gerissenen und losen Teile flogen regelrecht durch die Gegend. Die stabilisierende Glasur platzte ab und somit verschwand auch ein ganzer Teil der Bemalung. Der Verstand sagte: „Man musste den Schein wahren!“ Also schnell wieder alles greifbare irgendwie zusammen gesammelt, irgendeine Masse an die Stellen geklatscht, wo Scherben fehlten und angefangen, die Vase neu zu bemalen. Natürlich total ziellos und chaotisch. Hübsch oder? Der erste Versuch einer neu aufgebauten Vase – Vase 2.0 RC1 – war echt kein Highlight der Überlebenskunst. Aber immerhin wirkte sie nach außen von der Form her ähnlich.

Vase 2.0 RC1 - Scherben zusammen gesammelt und den Schein wahren
Vase 2.0 RC1 – Scherben zusammen gesammelt und den Schein wahren

Wenn man genauer hinschaut, sind einige Stücke regelrecht miteinander verzahnt. Zwischen anderen Stücken dagegen ist ’nur‘ eine Füllmasse vorhanden und gibt so den notwendigen halt. Ja, jedes dieser Stücke das hier zu sehen ist, ist eine abgespaltete Persönlichkeit in meinem Innen gewesen. Und offensichtlich haben viele Stücke sich im Laufe der Lebensjahre regelrecht abgenutzt – denn ganz genau passen sie nicht mehr an die umliegenden. Eine ganze Anzahl von diesen Stücken ist aber auch sehr nahe an anderen, ohne mit ihnen ‚verzahnt‘ zu sein.

Erst im Nachgang fiel mir auf, dass die Bemalung ziemlich chaotisch war und einiges sehr eilig zugeschmiert worden war. Einige Scherben lagen doch noch irgendwo herum oder fielen immer wieder mal aus der Vasenform heraus. Ein absolutes Provisorium.

Aber das war ich. Eine Vase aus Bruchstücken mit bunt-chaotischer Bemalung. Die Festigkeit gab eine farblose Glasur, einer zweite Schicht meines Selbst mit weiteren, mich stabilisierenden Eigenschaften.

So hätte ich also weiter leben können. Tat ich auch. Sicher nicht soooo toll, dass man auf Dauer seine Freude dran gehabt hätte, aber immerhin ein Vase. Den Rest des Jahres 2007, nach dem zum Glück nicht erfolgreichen Versuch, dem Mitarbeiter der Schweizer Bahn einen schweren Schock zu versetzen – da gelang es eine Weile. 2008, als ich meine Frau kennen lernte, ein Berufswechsel wegen Fähigkeiten-Verlust notwendig war und ein Umzug zurück in die Nähe von Tatorten statt fand. 2009, als endlich geheiratet wurde. Bis dahin funktionierte das Provisorium Vase 2.0 RC1. Zeitweise richtig gut – sogar übermäßig funktional gut. Dann war Ruhe eingekehrt und die eilig aufgebrachte Glasur bröckelte ab. Der Schein konnte nicht mehr gewahrt werden. Reha – alles wieder gut. Die Zeit der Reha war genutzt worden um mal wieder über all etwas Spachtelmasse rein zu quetschen. Das so zusammen ‚gedengelte‘ Provisorium Vase 2.0. RC2 war da. 2010 wurde meine Frau dann schwanger und 2011 wurde der Sohn geboren. War ja alles wieder Top!

Vase 2.0 RC2 - Einmal zusammengeklebt was wieder bröckelte
Vase 2.0 RC2 – Einmal zusammengeklebt was wieder bröckelte

Quark! Einfach nur zusammen spachteln ist echt eine blöde Idee! 2011 dann wieder ein Zusammenbruch und diesmal war das Gehirn nicht in der Lage, mal eben irgend was zusammen zu basteln und an zu pinseln.

Einige Stücke sind nicht gerade gut auf die anderen zu ’sprechen‘ gewesen. Die eine Gruppe haftet nicht so gut an einer anderen und andere Stücke sind einzeln von der Füllmasse des Restaurators umgeben. Dieser Restaurator war und ist der Verstand – eine Sachlichkeit, die in der Lage ist, all die schlimmen Dinge anzuschauen, die Gefühle zu zu lassen und dann einen gemäßigten Umgang damit zu finden.

So war es hier im Innen… Ein paar waren miteinander vereint (verzahnt) und sind so feste zusammen, als ob sie eine Scherbe wären. Andere sind so nahe aneinander, dass kein zusätzlicher Füllstoff nötig ist, um (Zusammen-)Halt hinzubekommen. Dann sind dort einige, die untereinander gut zusammenpassen, aber sich gegenüber anderen sehr abgrenzen. Und dann die besonders Schwierigen… entweder sind sie so extrem in ihren Ansichten, dass sie ‚gesperrt‘ wurden – so wie die auf der Rückseite. Oder sie sind einfach sehr un-kommunikativ. Sie brauchen aber auch keine anderen um halt zu haben oder besondere Aufgaben. Sie sind da und das ist OK… aber mehr ist wohl auch nicht nötig.

Lange Zeit in Kliniken, Diagnosestellung, Therapien. Stück für Stück setzte das Gehirn wieder die Scherben zusammen und ich erkannte, das ich irgendwie dazu gehöre aber irgendwie auch nicht. Ich konnte mit dem Namen, den die alte Vase trug, nichts anfangen. Es war der Name, der gegeben worden war, bevor die Risse entstanden und die individuelle Bemalung entstand. Als das Leben nach außen stabiler zu sein schien. Aber es war auch der Name, den Täter gebrauchten. Ein Name musste her, der damit einen Abschluss ermöglichte und somit auch ein stabilere Weiterführung der sich neu entwickelnden Persönlichkeit. Mein Name wurde gefunden, aber mein Platz in dem System war für mich immer noch unklar. Ich war von Scherben umgeben, also musste ich eine Scherbe sein. Ist doch logisch, oder? Letztlich begann das Gehirn auf einer nicht mehr bemalten Scherbe wie mit neuer Glasur und Bemalung die neue Persönlichkeit nach außen darzustellen. Schließlich kann ja nicht alles auf einmal grundiert und angemalt werden, wenn es denn ordentlich sein soll. Neue Wahrnehmung, neue Erfahrungen, neue und alte Erinnerungen, neue Ausprägung der Charaktereigenschaften.

Immer wieder wurden einzelne Scherben heraus genommen, betrachtet, gesäubert, repariert und in ihre jeweilige Lücke bestmöglich wieder eingesetzt. Auch die bisher unbeachteten, herumliegenden Scherben wurden Stück für Stück eingesetzt. Die ein oder andere Scherbe war ziemlich beschädigt, andere stark verschmutzt und an wieder anderen war noch bunte Bemalung und Glasur. Das vormals hastig eingefügte neutrale Matsche-Material wurde entfernt und alles so zusammen gesetzt, wie es gut passt. Mit Ruhe, teils zittrig, manchmal hektisch und übereifrig. Manche Arbeit musste doppelt und dreifach gemacht werden, weil durch den Übereifer nicht sorgsam genug gearbeitet wurde. Und ja, es gab dabei Teile die echt schwierig waren und sogar welche, die erstmal nicht wieder eingesetzt werden konnten oder wollten. Diesmal wurde dort aber nicht einfach irgendwas hektisch hinein geschmiert, sondern in Ruhe die jeweilige Scherbe genau angepasst. Und erstmal wurde sie nur neutral betrachtet. Sie hatte somit nur diese auffüllende Funktion zur Stabilisierung.

Ja, es war schwer, sich von der Malerei auf gewissen Teilen zu lösen, ihnen die Freiheit zu geben und das Geschehene für mich selbst anzunehmen. Es war eine bewusste Therapie-Entscheidung, die alles andere als leicht gefallen ist.

Es wurden aber auch verloren gegangene Scherben gefunden und eingesetzt, so dass nun endlich wieder eine vollständige Vase da ist. Nirgends findet sich noch etwas von der provisorischen Matsche-Pampe.

Jedes einzelne Teil der zusammengesetzten Vase hat einen Einfluss auf die Stabilität aller Teile – auf den Zusammenhalt.

Zusätzlich ist hier noch eines wichtig in meiner Wahrnehmung: Alle Teile die mich als ganzes ausmachen sind mir nun sehr nahe. Durch die Füllmasse, die mit vielen kleinen ‚Staubkörnern‘ angereichert wurde, die von den Scherben übrig geblieben sind, ist eine Verbindung da. Nicht nur über den Kern, sondern eben auch über dieses ‚Netzwerk‘ dass ich schaffen musste um zu überleben. 

Auch wenn ich nach außen auf andere beim flüchtigen Blick heile wirkte und der ein oder andere der Meinung ist, dass doch alles super wäre. Ich weiß, wie es unter der Glasur und Bemalung aussieht. Ich hatte die Aufgabe mit an der Restauration zu arbeiten und die Teile so zusammen zu setzen, wie sie zusammen passen. Und ich darf die Vase als ganzes präsentieren.

Und immer mehr wird durch dieses Bild klar: Ich bin Teil der Vase und jeder andere hier Innen ist auch Teil der Vase. Somit ist jedes der Vasen-Teile auch ein Teil von mir. Denn wir waren mal zusammen, wurden zerbrochen und haben wieder zueinander gefunden. Also ist alles was einem Teil der Vase geschehen ist, tatsächlich auch mir geschehen. Jeder Schmerz, jede Freude, jedes Weinen, jedes Lachen, jedes Bangen und jeden Hoffen. Alles das ist mein Erlebtes, Überlebtes und Gelebtes.

Jetzt erst war die Zeit festzustellen, wer oder was ich bin. Ich schaute genauer hin. Ich merkte, der Gedankengang, ein Bruchstück zu sein, passte irgendwie nicht. Ich habe zu viel Nähe zum Kern und zu allen einzelnen Scherben, die nun wieder fest zusammen gefügt sind als dass ich eine Scherbe sein könnte. Ich bin die vollständige, neu zusammengesetzte Vase mit dieser Bemalung, die alle Teile optisch miteinander verbindet und auch allen Scherben nahe ist. Auf der Außenseite, wie auf der Innenseite der Vase. Und jede Scherbe ist Teil meiner Persönlichkeit – alle die Scherben, die nun noch da sind. Alle die zusammengefügt oder auch durch neutrale Scherben ersetzt wurden.


Es gab massive Tiefs! Es gab Stillstand. Es gab implosionsartige Zusammenschlüsse. Als die ersten Scherben bereit waren, mit meiner Persönlichkeit ‚bemalt‘ zu werden (und ich auch bereit war, diese Scherben als Teil von mir anzunehmen), war dies ein Feuerwerk an Emotionen. Ich spürte wie diese Scherben Teil von mir wurden. Und bei jeder Weiteren war es wiederum sehr bewegend. Jetzt sind alle verbliebenen Scherben Teil von mir und ich von Ihnen. Im Innen spüre ich Sie, ich fühle, wie sie Arbeiten, ich höre wie sie klingen. Sie sind weiter Scherben – aber nicht mehr eigenständig sondern als Teil von mir als ganzer Vase. Sie führen zu meiner zusammengefügten Persönlichkeit, meinen Blickwinkeln, meinen Charakterzügen und Erfahrungen.

Insgesamt bin ich gerne die diese Vase und gespannt auf alle kommenden weiteren Verzierungen die das Leben nun hinzufügt.


Verschiedenste Persönlichkeitsmerkmale machen mich im Innen aus. Ein Kern von 5 Facetten bildet die Basis meiner Charaktereigenschaften. Und die Vergangenheit hat aus einem (im doppelten Sinne) reinen ‚ich‘ ein ‚buntes ich‘ geformt.

Stand heute ist eine (und da ist uɴsᴇʀᴇins & ᴍᴇ sich sicher) ziemlich stabile Vase zusammen gesetzt worden, die mit einer neuen kräftigen Bemalung auf einer guten Grundierung doch einiges her macht. Und das schöne daran, die ursprüngliche Bemalung wurde dabei auch wieder restauriert!

Ich bin eins, auch wenn es viele Scherben sind, aus dem alles wieder zusammengesetzt wurde. Denn ich war auch vorher eins. Und dennoch darf ich weiterhin von mir als einem Überlebenden von traumatischen Erlebnissen und Betroffenen von DIS reden, denn ich weiß wohl, dass mir immer noch Erinnerungen, Fähigkeiten, Emotionen und Erlebnisse aus der Vergangenheit fremd sind.

Es ist ein völlig neues Aussehen – ein neues Äußeres – erarbeitet worden. Frei nach Kintsugi geht es dabei nicht mehr darum die Brüche zu verleugnen oder zu verstecken sondern den Wert der Brüche und der Vase als ganzes hervorzuheben.

Vase 2.0 RC3
Vase 2.0 RC3

Irgendwie bin ich stolz auf das was ich erreicht habe.


Ich habe ja nun sehr detailliert anhand des Bildes der Vase dargelegt, wie ich mich verstanden habe. ‚Verstehen‘ meine ich im Sinne, was mir geholfen hat meine Denkweise – die Funktion meines Gehirns zu begreifen. Mir ist dabei klar, dass weder ich eine Vase war, noch das in meinem Kopf eine Vase existent gewesen ist…

Blumenpott

Letztlich sind alle Bilder ein Hilfsmittel um das eigene Denken bzw. die Wahrnehmung des eigenen Innens, sich selbst und anderen begreiflich zu machen.

Bunte Scherben zeigen genau so deutlich das innere Chaos auf, wie Murmeln die durcheinanderrollen oder Puzzleteile die verstreut herum liegen. Diese und ähnliche Bilder machen die wissenschaftlich diffusen Informationen leichter verständlich. Denn tatsächlich sind viele Abläufe im Gehirn nicht ansatzweise so klar, wie sich viele Laien sich das vorstellen.

Ein Facharzt für Neurologie mit Spezialisierung im Bereich Gehirnforschung sagte gegenüber mir einmal: „Wir kennen ganz genau die Funktionen eines ca. erbsengroßen Bereichs des Gehirns. Alles darüber hinaus ist ein logisches Schlussfolgern und Nachmessen. Nach dem Thema: Da kommt X rein und Y raus, also wissen wir, hier wird X in Y umgewandelt. Wie genau… das steht auf einem ganz anderen Blatt.“

Es ist klar, dass die verschiedenen gespeicherten Informationen verarbeitet werden. Auch ist klar, dass ein Netzwerk von neuronalen Verbindungen notwendig ist um Vergangenes als Erinnerung abzurufen, Emotionen zu verarbeiten und Gefühle wahrzunehmen.

Im Falle einer Dissoziation geschieht wissenschaftlich gesehen nichts anderes, als das gewisse Verbindungen ‚ausgesetzt‘ werden. Die Erinnerung oder die Emotionsgrundlage ist gespeichert, kann aber nicht abgerufen werden. Bei der DIS/DSNNS ist das neuronale Netzwerk an vielen unterschiedlichen Stellen offensichtlich nicht in der Lage die Weitergabe der Informationen zu ermöglichen. Es müssen also bestehende Verbindungen entweder reaktiviert oder neue gebaut werden.

Doch einfach neue Verbindungen zu bauen und so die über Jahre perfektionierten Denkmuster zu ändern, ist nicht einfach. Es sind regelrecht Blockaden vorhanden. Dabei möchte ich dahingestellt lassen, ob es sich um physikalisch vorhandene Blockaden oder emotionale Blockaden handelt. Ich will hier jetzt auch nicht auf die Art und Weise, Herkunft und Stärke der Blockaden eingehen. Sicher dürfte aber sein, dass die eigenen Emotionen es erschweren an Trauma-Inhalte heran zu gehen. Und bestimmt wird es ungleich schwerer, wenn Automatismen, Konditionierungen oder Programmierungen aktiv sind.

Durch therapeutische Unterstützung kann man lernen diese Blockaden Stück für Stück ab zu bauen oder umgehen. Dies ist ein individueller Prozess – sowohl von der Art der Dinge, die als hilfreich empfunden werden als auch von der Dauer her. Auch wie viele der Blockaden so ‚ausgehebelt‘ werden können ist individuell. Theoretisch ist es also so, dass – sofern man irgendwann bereit/in der Lage ist die vergangenen Erlebnisse ohne wenn und aber als die eigenen anzunehmen – man dann wohl auch auf alle seine individuelle Fähigkeiten als gesamtes mit der eigenen Wahrnehmung als Gesamt-Persönlichkeit zurückgreifen.

Nun sind bei mir laut fachmännischer Meinung keine Programmierung sondern ’nur‘ Konditionierungen vorhanden und ich merke selbst, wie schwer es war (und auch noch ist) das theoretische Wissen vollständig anzuwenden!

Aber selbst mit der ’nur‘ teilweisen Anwendung des Wissens ist eine Stabilität, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit erarbeitet worden, wie sie in den Jahren zuvor nicht gegeben war.

Wie sieht es nun also Gehirn-technisch aus?

Ich komme an (wie ich meine) alle Trauma-Erinnerungen heran und kann diese ‚betrachten‘ ohne dass ich dissoziiere. Es sind weiterhin mit schmerzhafte Emotionen verbundene Erinnerungen. Somit sind diese Verbindungen offensichtlich nun wieder aktiv / neu geschaffen.

Auch gibt es hier offensichtlich neuronale Verbindungen, die ‚flackern‘. Denn mal ist ein Abrufen von Informationen und Fähigkeiten aus einem bestimmten ‚Lebensabschnitt‘ möglich, ein andermal wieder nicht. An, Aus, An, Aus… und das Anschalten funktioniert (immer noch) nicht auf Knopfdruck.

Gehirnwindungen

Das was mir trotz der vollständigen Fusion weiter arge Bauchschmerzen (oder eher Kopfschmerzen) bereitet ist die Tatsache, dass hier echt miese Handlungen (nach den Traumata und über die Jahre im Leben) begangen wurden, ohne dass die Täter Zugriff auf mich hatten. Obwohl ich diese Handlungen nun zum größten Teil seit Jahren vollständig eingestellt habe und ich diese früheren Handlungen für mich annehmen konnte, löst die Erinnerung daran alles andere als Gutes aus.

Ich konnte im Laufe der Jahre mein Denkmuster ändern von: „Ich darf einfach so etwas nicht getan haben. Weil sich bei mir alles dagegen sträubt, so etwas zu tun.“ zu: „Ich habe es getan, obwohl es gegen meine Prinzipien ging. Und das war absolut nicht in Ordnung“.


Bei der gefundenen und hier als Grundlage verwendeten Vase handelt es sich übrigens um die Vase 324 der Hedwig Bollhagen Werkstätten für Keramik. Daher unterliegt dieses Bild dem Copyright der Eigentümer.