Begriffserklärungen zu DID & DDNOS

Oftmals treten Betroffene an mich heran und beklagen sich über die Vielzahl von Fachbegriffen, die sie finden, wenn sie sich mit ihrer Diagnose auseinandersetzen. Dazu kommt, dass englische und deutsche Begriffe vermischt werden und teilweise schon seit Jahren international nicht mehr gebräuchliche Wörter weiterhin verwendet werden.

Auch mir ist dieser Fehler immer wieder unterlaufen und ich arbeite gerade daran, die Texte auf unserer Webseite auf den aktuellen Stand der Begrifflichkeiten zu bringen. In Zukunft verwende ich hier immer die internationalen Abkürzungen und wahlweise die aktuellen deutschen Begrifflichkeiten. Die Abkürzungen sind im unten stehenden Text fett markiert, die Begrifflichkeiten kursiv.

Mit dem unten stehenden Text möchte ich versuchen, das Chaos ein wenig zu lichten.


Allgemeine Informationen:

  • Alle dissoziativen Störungen sind im Diagnosekatalog ICD-10 unter dem Schlüsselzeichen F44.- aufgeführt.
  • Alle dissoziativen Störungen werden in Deutschland auch als Konversionsstörungen bezeichnet.
  • Die dissoziativen Störungen sind in dem Diagnosekatalog in zwei Gruppen unterteilt:
    1. Dissoziative Störungen
      • All Symptome sind in dem Katalog genau definiert.Dort ist die F44.7 – ‚Dissoziative Störungen, gemischt‘ aufgeführt. Diese wird verwendet, wenn ein Betroffener die Symptome verschiedener Diagnosen aus der 1. Gruppe aufweist.
      Sonstige Dissoziative Störungen
      • Nur die Bezeichnungen der Diagnosen  sind aufgeführt.
  • In der 2. Gruppe befinden sich zwei Diagnosen, bei denen es durch die verschiedenen Begriffe zu Unklarheiten kommt. Hierbei handelt es sich um:
    • F44.81 – Multiple Persönlichkeit(sstörung)F44.9 – Dissoziative Störung, nicht näher bezeichnet
  • Beide Diagnosen beschreiben eine Störung, bei denen die Persönlichkeit des Betroffenen aufgrund traumatischer Erlebnisse aufgespalten ist.

Ergänzende Information:

In der ICD-11, die 2018 von der WHO verabschiedet wurde und die irgendwann in den nächsten Jahren übersetzt und für Deutschland angepasst werden soll, ist die Diagnose 6B65 „Partielle Dissoziative Identitätsstörung“ aufgeführt. Das wird sehr wahrscheinlich der bisherigen DDNOS/DSNNS entsprechen. Die Diagnose 6B6Z „Dissoziative Störungen nicht spezifiziert“ beinhaltet dann die DDNOS/DSNNS scheinbar nicht mehr, sondern meint andere, nicht definierte Diagnosen.


Begrifflichkeiten:

Um auf diese beiden Diagnosen einzugehen und die Unterschiede zu verdeutlichen, ist es notwendig ein paar Begrifflichkeiten zu erklären, die in den Diagnosen, in Fachliteratur oder im Internet oft auftauchen.

ANP (engl.: Apparently Normal Part = Anscheinend normaler Anteil / Anscheinend normale Persönlichkeit). Hierbei handelt es sich um den aktuellen Begriff für das was früher als Alltagsperson oder Host bezeichnet wurde. ANP haben die Aufgabe a) den Alltag zu meistern und b) Trauma-Erinnerungen zu vermeiden. Der ANP ist dabei nicht etwa gesund – er sieht weg, will nichts von dem Geschehenen wissen und ignoriert die Folgen der Traumata. Dabei kann der ANP durchaus alltagstaugliche Emotionen aufweisen. Doch der ANP hängt dabei nicht in der Traumazeit fest und driftet nicht dahin ab.

EP (engl.: Emotional Part = Emotionaler Anteil / Emotionale Persönlichkeit). Hierbei handelt es sich um den aktuellen Begriff für das was früher als Innenperson, Innie oder Alternative Persönlichkeit bezeichnet wurde. Hiermit sind alle Anteile gemeint, die nicht die Aufgaben der ANP ausführen. Also alle diejenigen, die sich nicht am Alltag beteiligen sowie alle diejenigen, die in der Trauma-Erinnerungen festhängen.

Die EP werden je nach Schema in bis zu drei Gruppen unterteilt:

EPf (engl.: Emotional Part, fragile = fragiler Emotionaler Anteil / fragile Emotionale Persönlichkeit). Hierbei handelt es sich um die verletzten Aspekte der Persönlichkeit die traumatische Erinnerungen haben und dabei die Opfer-Perspektive einnehmen. Sie werden manchmal auch Kind-Anteile genannt. Die EPf tendieren dazu, die eigene Persönlichkeit mit Trauma-Inhalten zu überschwemmen.

EPc (engl.: Emotional Part, controlling = kontrollierender Emotionaler Anteil / kontrollierende Emotionale Persönlichkeit). Kontroll-Persönlichkeitsanteile werden auch als „Wächter“ oder „Beschützer“ bezeichnet, die sich schützend vor die traumatisierten EPf stellen.

EPoi (engl.: Emotional Part, offender imitating = Täter nachahmender Emotionaler Anteil / Täter nachahmende Emotionale Persönlichkeit). Hierbei handelt es sich um Täter imitierende Aspekte der Persönlichkeit. Diese sind kontrollierend, misstrauisch, übermässig kritisch, bestrafend, sabotierend, Schuld und Scham einredend und oft der Grund für dysfunktionales Verhalten. Der EPoi verlangt vor Allem Macht und hat oft die Einstellung gegen alles zu sein, was die anderen möchten oder sogar brauchen.

Manche Schemata fassen die EPc und EPoi unter EPc zusammen.

Dieses Konstrukt aus ANP und EP nennt man System.


Die zwei Diagnosen:

Nun zu den zwei Störungen, die gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen, aber tatsächlich als unterschiedliche Diagnosen anzusehen sind.

DDNOS (engl.: Dissoziative Disorder Not Otherwise Specified = Dissoziative Störung Nicht Näher Spezifiziert [DSNNS], selten auch Dissoziative Störung nicht näher bezeichnet). Diese wird oft auch als ESD bezeichnet (engl.: Ego State Disorder) – korrekterweise muss man sagen, dass die ESD eher als eine ‚kleinere Form‘ der DDNOS anzusehen ist. Im Diagnosekatalog ICD-10 von 2018 ist die DDNOS unter F44.9 mit dem Begriff ‚Dissoziative Störung, nicht näher bezeichnet‚ eingetragen. Es kann also durchaus passieren, dass weitere seltsame Abkürzungen auftauchen wie DSNNB oder NNBDS.

Bei der DDNOS gibt es eine recht breite Spanne an Ausprägungen. Aber generell existieren mehrere EP, die im Innen agieren und so das Handeln der ANP beeinflussen. Die EP zeigen sich nicht selber im Aussen – wohl aber sind die Auswirkungen der Emotionen der EP nach Aussen wahrnehmbar. Es ist generell eine Kommunikation im Innen zwischen/mit den einzelnen Anteilen möglich.

DID (engl.: Dissoziative Identity Disorder = Dissoziative Identitätsstörung [DIS]). Diese wurde früher als Multiple Persönlichkeitsstörung bezeichnet (engl.: Multiple Personality Disorder [MPS]). Im Diagnosekatalog ICD-10 von 2018 ist die DID unter F44.81 mit dem alten Begriff ‚Multiple Persönlichkeit(sstörung)‚ eingetragen.

Bei der DID sind mindestens zwei ANP vorhanden. Die EP agieren in allen Bereichen so wie sie das wollen und oftmals stehen Erinnerungen nicht gemeinsam zur Verfügung. Dabei kann jede EP zu einer eigenen Person mit Präsentation nach aussen werden. Hierbei geht es den EP aber nicht darum, den normalen Alltag zu steuern und zu einer ANP zu werden. Auch sind die Wechsel nur schwer steuerbar. Oftmals gehen die Anteile davon aus, dass sie alleine für den Körper zuständig sind. Eine Kommunikation zwischen/mit den Anteilen ist aber auch hier möglich und erlernbar.

Bei der DID gibt es noch eine stärkere Form die als ‚Vielfach fragmentierte DIS‘ (engl.: polyfragmented DID) bezeichnet wird. Hierbei sind mehrere nebeneinander existierende System vorhanden.


Es gibt Unterschiede:

Die o.g. Punkte muss ein Betroffener aufweisen um in die jeweilige Diagnose eingeordnet werden zu können. Dennoch sind die System in sich oftmals völlig unterschiedlich strukturiert, werden anders benannt oder verschieden stark wahrgenommen.

Wenn man also z.B. die Diagnose DID gestellt bekommt, bedeutet das nicht, dass nur genau das bei einem stattfindet, was in den Diagnose-Definitionen steht. Es bedeutet vielmehr, dass die mindestens erfüllt sein muss.

Es sind kombinierte Diagnosen möglich. Es kann also sein, dass ein Betroffener von DID zusätzlich ein oder mehrere Symptome aus den Diagnosen der 1. Gruppe aufweist. Im Regelfall wird dann aber auf ärztlichen Dokumenten nur die „höherwertigere“ Diagnose innerhalb einer ICD-10-Kennung angegeben. Eine Mischung von DID und DDNOS ist per Definition nicht möglich.


Zusammenfassung:

Es gibt eine Diagnose die im deutschen Dissoziative Identitätsstörung genannt wird und international DID abgekürzt wird. Es gibt eine andere Diagnose, die im deutschen Dissoziative Störung Nicht Näher Spezifiziert genannt wird und international DDNOS abgekürzt wird. Alle anderen Abkürzungen sind entweder eingedeutscht oder aber veraltet.


Zusatz:

ESD (engl.: Ego State Disorder = Ich-Wahrnehmungs-Störung)  Diese Diagnose wird nicht nur in Deutschland stark diskutiert. Es handelt sich im eine Störung der inneren Rolle. Die normalerweise vorhandenen verschiedene Persönlichkeitsanteile eines Menschen, sind dabei auf unnatürliche Art und Weise losgelöst. Oftmals wird die ESD als eine „leichtere Form“ der DDNOS angesehen und Betroffene erhalten daher auch meist die Diagnose DDNOS. Bei der ESD weiß der Betroffene immer, welcher Persönlichkeitsanteil er aktuell ist. Es finden per Definition keinerlei Amnesien statt und es gibt es nur einen ANP. Aufgrund dieser Ähnlichkeiten zur DDNOS werden beide Störungen von einigen Fachleuten auch als eine einzige Diagnose angesehen.