Informationen zur DID & Therapie

Man schaut natürlich immer wieder nach neuen Erkenntnissen und Webseiten mit gut fundierten Informationen zur DID/DIS. Wichtig ist es dabei auch, dass trotz aller fachlichen Korrektheit die Texte noch verständlich bleiben.

Auf der Webseite von Dr. med. Michael Depner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bin ich mal wieder fündig geworden. Zum Einen geht eine ganze Seite auf dissoziative Störungen im allgemeinen ein, zum Anderen eine Seite speziell auf die DID/DIS mit allen Abstufungen.

Es gibt viele Facharbeiten, die auf die zwei unten stehenden Punkte eingehen. Doch leider sind die meisten dieser Arbeiten gerade so für Fachleute verständlich, aber der Betroffene scheitert oft daran.

  1. Abstufungen der DID/DIS
  2. Pseudo-DID/DIS

Abstufungen der DID/DIS

In einer kleinen Tabelle wird auf die Abstufungen der DID/DIS eingegangen bzw. diese mit anderen Zuständen verglichen.

Ich sehe es auch so, dass es eben nicht „die eine DID/DIS“ gibt, sondern das verschiedene Abstufungen bestehen. Das deckt sich mit dem was z.B. Dr. Jochen Peichel (Workshop von 2008, PDF),  Dr. Dr. Andrea Moldzio (Medtropole von 2009, PDF), und viele andere auf der Basis der Arbeit von Ellert Nijenhuis, Onno van der Hart, & Kathy Steele (Webseite: trauma-pages.com) in Bezug auf die DIS/DIS annehmen. Sie bezeichnen dies als Kontiuum der Dissoziation.  Auf der Webseite des Traumainstitut Mainz findet sich eine Präsentation von Nijenhuis (2016, PDF), die ebenfalls sehr informativ ist. Interessant ist auch die Präsentation von Dr. med. Dominik Schönborn (2015, PDF).

Ute Blum-Dietsch vom ev. Krankenhaus Bielefeld hat 2015 darauf hingewiesen, dass es zur Zeit noch nicht abschliessend geklärt ist, ob das Kontinuum-Konzept korrekt ist. Aber auch sie erklärte die Abstufungen zur Jahrestagung der DGTD e.V. sehr detailliert (Workshop von 2015, PDF).

In Bezug auf Therapien schreibt Dr. med. Ursula Gast sehr aussagekräftiges für die Luzerner Psychiatrie (Handout von 2016, PDF)

Pseudo-DID/DIS

Bei dem Wort schreien viele Personen sofort auf und fühlen sich angegriffen, missverstanden und nicht ernst genommen. Auf seiner Seite schreibt Dr. med. Michael Depner:

Die Diagnose einer DIS wird selten gestellt. Es kann sein, dass das Folge mangelnder Achtsamkeit psychiatrischer Untersucher ist. Andererseits wird die Diagnose aber auch gestellt, wo keine DIS vorliegt. Ursache dafür können Motive der Patientinnen sein oder solche der Untersucher.

Die Diagnose einer DIS weist Merkmale auf, die sie für manche Personen attraktiv macht:

• Durch das Postulat einer Sekundärpersönlichkeit kann die Realperson Verantwortung für eigene Taten von sich weisen.

• Das exotische Flair der Diagnose an sich ruft Beachtung hervor.

• Als multiple Persönlichkeit zu gelten, verleiht – paradoxerweise – eine prägnante Identität.

Auf der Suche nach einer Erklärung für andersartige psychische Probleme und zur Steuerung sozialer Bezüge identifizieren sich einige Patienten vorschnell mit der DIS.

Es ist davon auszugehen, dass dissoziativen Störungen überwiegend verdrängte traumatische Ereignisse zugrunde liegen. Therapeuten, die hinter den Symptomen ihrer Patienten verdrängte Traumata vermuten, bietet das Krankheitsmodell der DIS eine Erklärung dafür, warum ihre Patienten ein solches Trauma nicht erinnern.

Die namentliche Kennzeichnung unterschiedlicher Eigenschaftscluster, die Patienten ausagieren mögen, ist eine Technik der Psychotherapie (z.B.: das innere Kind). Da Eigenschaftsbündel durch Namensvergabe begreifbarer werden und den Sekundärpersönlichkeiten der MPS in der Regel Namen zugeordnet sind, liegt der Namensvergabe Suggestionskraft inne.

Die absichtliche Personifizierung von Verhaltensmustern kann langfristig integrierend sein, sie kann kurzfristig aber auch Symptome einer DIS vorspiegeln, die keine sind.

Dr. med. Michael Depner

Die drei wichtigen Punkte hier sind meiner Meinung nach, dass zum Einen klar gestellt wird, dass es tatsächlich Personen gibt, die sich aus unterschiedlichen Gründen bewusst mit der DID/DIS identifizieren.

Zum Anderen ist die Aussage wichtig, dass jemand, der die Symptome einer DID/DIS vorspie(gel)t, dies nur über eine „kurze“ Zeitspanne bewerkstelligen kann.

Als weiterer wichtiger Punkt wird hier aufgeführt, dass es bei einer tatsächlich vorhandenen DID/DIS ein Teil der Therapie sein kann die ANP und  EP mit Namen zu versehen („absichtliche Personifizierung von Verhaltensmustern“) um letztendlich eine „Integration“ zu erreichen.

Therapieziele

Bevor nun wieder Personen zusammenzucken wegen dem Wort „integrierend“ und damit verbinden, dass versucht würde, die EP und ANP verschwinden oder zu einer Person verschmelzen zu lassen, möchte ich die Begrifflichkeit „Integration“ erläutern.

Integration ist die Wiederherstellung einer Einheit aus Differenziertem, die Vervollständigung, Einbeziehung oder auch Eingliederung in ein größeres Ganzes sowie die Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit.

So wie Personen, die in der Aussenwelt in eine bestehende Gesellschaft integriert werden, ja nicht einfach verschwinden oder ihre eigene Persönlichkeit verlieren, so wird das auch im Innen bei einer Integration aus unserer Sicht nicht geschehen.

Aber Personen die sich in die Gesellschaft wirklich integrieren, arbeiten im Wohle der Gesamtheit zusammen und halten sich an gemeinschaftliche Regeln. Sie nehmen die Werte der Gemeinschaft an um weder sich noch anderen zu Schaden. Eventuell sprechen sie nach einiger Zeit sogar von sich als Person mit der Nationalität des Landes, in dem sie nun wohnen (Beispiel: „Ich bin Deutscher“) und bezeichnen sich nicht mehr als „Fremde“ (Beispiel: Ich komme aus Marokko).

Integration bedeutet aber nicht, dass immer Friede, Freude, Heiterkeit besteht. Es gibt in Details trotz Integration Unstimmigkeiten, manchmal sogar Streit. Und es wird immer nötig sein, weiter an der Zusammenarbeit zu feilen.

Und ähnlich ist es aus meinem Verständnis auch im Innen. Das Ziel kann sein, irgendwann alle Emotionen, Fähigkeiten, Erinnerungen aller anderen im Zugriff zu haben, mit einem „Namen“ aufzutreten und dann ohne Flashbacks zu sein. Es mag durchaus sein, dass die Integration viel weiter gehen kann – aber selbst wenn der Weg nur wie hier beschrieben gegangen wird, hätte man wahnsinnig viel erreicht.

In diesem Zusammenhang ist auch die Expertenempfehlung für die Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung bei Erwachsenen (PDF, 149 Seiten < 1MB) zu nennen. Dort heißt es unter Anderem:

Die Behandlung sollte den Patienten so weit wie möglich zu einem besseren integrierten Funktionieren führen. […] Der Kern des therapeutischen Prozesses ist es, den Persönlichkeitsanteilen zu helfen, sich
gegenseitig als berechtigte Teile des Selbst wahrzunehmen und ihre Konflikte zu diskutieren
und zu lösen. […] Die … vollständige Eingliederung … aller Persönlichkeitsanteile [stellt] das stabilste Therapieergebnis dar[…]. Allerdings werden viele DISPatient(inn)en diese abschließende Fusion selbst nach umfänglicher Behandlung nicht erreichen oder eine abschließende Fusion nicht als wünschenswert betrachten. […] Deshalb kann ein realistischeres Langzeitergebnis für manche Patient(inn)en ein kooperatives Arrangement sein […]. Es beinhaltet ein ausreichend integriertes und aufeinander abgestimmtes Zusammenarbeiten zwischen den Persönlichkeitsanteilen, um optimales Funktionieren zu fördern.

Expertenempfehlung ab Seite 37 unter Behandlungsziele und -ergebnisse

Immer wieder kommt von Betroffenen die Frage auf, ob eine vollständige Heilung möglich sei und dabei wird auf Berichte von Betroffenen verwiesen, die sich selbst als ‚geheilt‘ bezeichnen.

Die Meinungen was diesen Punkt angehen, gehen sicher ein Stück weit auseinander. Aber ich denke, dass folgende Beschreibung für die Meisten annehmbar sein dürfte:

Jemand, der an einer körperlichen Diagnose leidet (nehmen wir einen als Beispiel einen Beinbruch) wird nach einer erfolgreichen Behandlung als geheilt entlassen. Er benötigt nach einer abschließenden Reha keine weitere medizinische Unterstützung und kann sein Leben weiter führen. Das bedeutet aber a) nicht, dass er garantiert keine Beschwerden oder Nachwirkungen mehr verspürt und b) auch nicht, dass er sich nie wieder ein Bein brechen könnte. Im Gegenteil: Die Wahrscheinlichkeit, sich nach einer solchen Vorerkrankung bei Belastung erneut einen Bruch zuzuziehen ist wahrscheinlich höher als bei einer Person, die nie erkrankt war.

Ein DID/DIS-Patient, der eine abschließende Fusion erreicht hat, ist nicht davor gefeit bei einem massiven Trauma erneut stark zu dissoziieren und in der für ihn (oftmals über Jahrzehnte) gewohnten Art und Weise zu reagieren. Und ein solcher Betroffener wird auch nicht frei von allen anderen Problemen sein, die das Leben so mit sich bringt. Psychische Belastungen wird es weiter geben und es mag durchaus notwendig sein auch nach der abschließenden Eingliederung aller Persönlichkeitsanteile, intensiv psychotherapeutisch zu arbeiten oder gewisse Punkte erneut zu bearbeiten. Das zeigt sich auch in der Expertenempfehlung:

Selbst nach abschließender Fusion kann die Arbeit an bleibenden dissoziierten Denkweisen
oder dem Erleben weitergehen. Beispielsweise kann es sein, dass Therapeut(in) und
Patient(in) daran arbeiten müssen, eine Fähigkeit, die zuvor nur ein Persönlichkeitsanteil
besaß, voll zu integrieren, eine neue Schmerzgrenze des Patienten zu ermitteln, alle
dissoziierten Altersstufen in ein chronologisches Alter zu integrieren oder ein neues, für das
Alter des Patienten angemessenes und gesundes Ausmaß von Betätigung und Belastbarkeit zu
finden. Es kann sein, dass traumatisches und belastendes Material auch von dieser neuen
Perspektive aus bearbeitet werden muss.

Expertenempfehlung Seite 40 unter Behandlungsziele und -ergebnisse

Therapiemethode

Einfach Zusammengefasst kann – sofern der Betroffene das möchte – über drei Behandlungsphasen viel erreicht werden:

(1) Sicherheit, Stabilisierung und Reduktion der Symptome,
(2) Konfrontation, Durcharbeiten und Integration von traumatischen Erinnerungen,
(3) Integration der Identität und Rehabilitation

Expertenempfehlung ab Seite 43 unter Der phasenorientierte Behandlungsansatz

Ich kann Betroffenen (aber auch Angehörigen und Behandlern) wirklich dazu raten, in der oben genannten Expertenempfehlung zumindest die Seiten 37 bis 61 in Ruhe zu lesen und sich die Bereiche, die einem selbst dort wichtig sind zu markieren. Sehr wahrscheinlich kann man dann schon seinen aktuellen Stand einordnen und sich so weitere Ziele setzen.

Author: Jaël Noah Herzog