Ursachen der DID: „Frühkindlich“

Die Fachwelt ist sich im Großen und Ganzen einig, dass die Dissoziative Identitätsstörung und auch die Dissoziative Störung nicht näher spezifiziert ihre Ursache in frühkindlichen Traumatisierungen haben.

Der Begriff „Frühkindlich“ führt manchmal zu der Frage, ob ab einem bestimmten ‚fixen‘ Alter keine DID/DIS oder DDNOS/DSNNS entstehen kann. Immer wieder liest man in der Fachliteratur Aussagen die dies auf den ersten Blick zu stützen scheinen.

Laut Huber heißt es:

Als auslösenden Faktor findet man bei über 95 Prozent aller DIS-PatientInnen eine Geschichte schwerer, langanhaltender frühkindlicher Traumatisierung in Form von sexuellem, physischem, psychischem und rituellem Missbrauch vor allem im Elternhaus, der zumeist schon vor dem fünften Lebensjahr begonnen hat.

Dagmar Eckers erklärte in einem Referat beim Institut für Traumatherapie Oliver Schubbe:

Ein kleines Kind verfügt noch nicht über Kampf-Flucht-Reaktionen, somit erhöht sich das Risiko einer Dissoziation. Je kleiner Kinder sind, desto eher reagieren sie bewusstseinsspaltend auf Bedrohungen. Ab dem achten Lebensjahr reagiert das Kind eher überreizt und die Symptome sind deutlicher.

Bereits 1998 hieß es im Journal of Traumatic Stress, Vol. 11, No. 4 einfach übersetzt:

…die frühesten nachgewiesenen Traumata fanden in den ersten 6 Lebensjahren statt. Die berichteten Traumasituationen hielten über lange Zeit an.

Die isst-d sagte 2011 in ihren Guidelines grob übersetzt:

besonders wenn die Traumaerfahrung zuerst vor dem 5. Lebensjahr eintritt…

und:

DID/DIS entsteht im Kindesalter und Mediziner haben nur wenige Fälle finden können, in denen die DID/DIS durch Trauma ausgelöst wurde, die im Erwachsenenalter erlebt wurden (auch wenn nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, dass nicht etwa ein früheres Trauma vorlag, an das sich nicht erinnert werden konnte).

Auch die ISSD-D erklärt:

Als auslösenden Faktor findet man bei über 95 Prozent aller PatientInnen mit DIS eine Geschichte schwerer, langanhaltender frühkindlicher Traumatisierung in Form von […] Mißbrauch vor allem im Elternhaus, der zumeist schon vor dem fünften Lebensjahr begonnen hat

und belegt dies mit den Studien von Coons et al. 1988; Fagan & Mc-Mahon 1984; Kluft 1985a; Putnam et al. 1986 und Ross et al. 1989, 1991a

Am Ende der Erklärung der ISSD-D heißt es tatsächlich:

in der Anamneseerhebung eine Vorgeschichte einer (sexuellen) Traumatisierung vor dem sechsten Lebensjahr.

Zusätzlich haben wir persönlich noch Fachpersonal zu diesem Thema befragt und dort wurde bestätigt, dass es wohl bei weit über 99 Prozent passend ist, dass die Betroffenen bei ihrem ersten traumatischen Erlebnis 5 bis 6 Jahre alt gewesen sind.

Ein Facharzt meinte diesbezüglich, dass es einige wenige belegte Fälle in der Gehirnforschung gibt, wo eine Entwicklungsverzögerung der Patienten so ausgeprägt ist, dass bei solchen Personen die Entstehung einer DIS oder DSNNS theoretisch auch im Alter von 8 oder 9 Jahren möglich gewesen wäre. Dieser Facharzt hält es aus medizinischer Sicht zwar für möglich aber für extrem unwahrscheinlich. Aber er geht eher davon aus, dass eine solche Person dann vorher bereits Traumata erlebt hat, die nicht unbedingt erschlossen werden können.

Sofie vom Blog Sofies viele Welten erhielt von ihrer Therapeutin ebenfalls die Information, dass diese „von einer strikten Altersbegrenzung weder gehört, noch gelesen“ habe und erklärte, „das Gehirn sei bis ca. zum 10. Lebensjahr sehr formbar. Ob es nach dem 5. Lebensjahr noch im Sinne einer DIS reagiert sei für sie zumindest eine mögliche Option.“

Laut all unseren Informationen, besuchten Fachvorträgen, Workshops, Fachbüchern und Studien ist die Aussage zusammengefasst:

Im Regelfall tritt eine DID/DIS auf, wenn ein Trauma, dass die nichtdissoziative Bewältigungsfähigkeit des Kindes übersteigt, in der frühen Kindheit (je nach Fachkraft zwischen dem 2. und 11. Lebensjahr [Die Zeit vor dem 2. Lebensjahr wird allgemein als nicht erinnerbar und auslösend angesehen]) begonnen hat, über längere Zeit [meistens 1 oder mehr Jahre] angehalten hat und dem Kind nicht (ausreichend) geholfen wurde.

Wissenschaftlichen korrekt ist, dass das kindlichen Gehirns mit ca. fünf Jahren einen Zustand erreicht, der die Ausbildung einer DIS massiv erschwert. Dieser ‚Regelfall‘ bedeutet aber nicht, dass es keine ‚Ausreisser‘ geben kann.

Gerne möchte sich Der Bunte Ring abschließend der Aussage von Sofie anschließen:

Falls du viele bist und dich nicht an frühkindliche Erfahrungen von Traumatisierung erinnerst, dann fang jetzt nicht an zu zweifeln. Dafür ist der Beitrag bestimmt nicht gedacht! Du bist gut so, wie du bist. Nimm dich ernst, mit dem was da ist. Trau dich im Zweifelsfall die erste Person zu sein, bei der es anders gelaufen ist. Letztlich zählt, dass du dir näher kommst, dich spüren kannst und es dir gut geht.

Quelle: Sofies viele Welten: DIS und der Beginn der Gewalt)

Danksagung: Unser Dank für den Austausch, der dazu geführt hat, all diese Informationen nochmals zusammen zu tragen geht an Sofie, die mit ihrem Beitrag DDNOS und Programmierung das ganze erst möglich gemacht hat.