Interview Jaël Noah

INTERVIEW MIT EINEM BETROFFENEN VON DISSOZIATIVER IDENTITÄTSSTÖRUNG DER VOLLSTÄNDIG FUSIONIERT IST

Ich habe nun viele Jahre Therapie hinter mir (und bin weiter dabei) und es hat sich einiges massiv verändert in der Wahrnehmung meines Selbst. Ja, Therapie ist extrem harte, kräftezehrende Arbeit und daher ist die Frage danach, ob der Aufwand sich lohnt wirklich berechtigt. Darum geht es in dem folgenden ‚Interview‘, dass als Fragen von einer Leserin an mich herangetragen wurde. Für mich als Initiator von Der Bunte Ring und als Betreiber dieser Webseite ist dieses ‚Interview‘ schon was besonderes.


Kannst du bitte sagen, wie viel durch dieses Zusammenwachsen der Fusion für dich besser wurde?

Oh, das ist Einiges! In der Anfangsphase, bevor es zu Fusionen kam, aber schon besser kommuniziert wurde, da wurde es einfacher Dinge im Außen realistischer einzuordnen. Es wurde weniger in Panik geraten und das Vertrauen zueinander wurde größer. Dadurch wurden die Stimmen ruhiger und geordneter. Danach kam irgendwann der Punkt, wo Einzelne sich nicht mehr unbedingt in den Vordergrund drängen wollten. Stück für Stück gingen Selbstverletzungen und Übergriffe gegen den Körper zurück. Die Zeitlücken wurden gefühlt aber erst einmal mehr, bevor sie nach einiger Zeit abnahmen. Alles was besser wurde aufzuführen ist kaum möglich – zumindest im Moment noch nicht – dafür werde ich eine noch längere Zeit mit dieser für mich neuen Art zu Denken und zu Leben Erfahrungen sammeln müssen.

Auch wenn ich weiß, dass ich wohl irgendwann vor den Traumata schon einmal in etwa so eine Art zu Denken und zu Leben hatte, ist daran keine Erinnerung vorhanden. Also muss ich neue Erfahrungen damit sammeln.

Gibt es keine weiteren Stimmen mehr, keine Zeitverluste und herrscht Einigkeit?

Manche Persönlichkeitsmerkmale hatte ich tatsächlich eine Zeit lang wie aus mir entfernt und so wurde überhaupt die Nähe möglich. Mittlerweile habe ich verstanden, dass all diese Bestandteile von mir sind. Ich bin ich mit all den kleinen und großen Teilen, die mich ausmachen. Viele verschiedene Fusionen, die zu einem neuen, gefühlten Ganzen führten. So viel Nähe, so viel Annehmen und dennoch entscheiden, gewisse Persönlichkeitsmerkmale nicht mehr zu verwenden. Vieles ist in meinem Innen, dass nicht mehr nach Außen scheint. Zwei mir sehr wichtige Fähigkeiten, die aus ehemals abgespaltene Persönlichkeiten stammen, konnte ich mir im Besonderen zu Eigen gemacht um Gefahren schnell erkennen und bei Bedarf sachlich reagieren zu können.

Es sind keine Stimmen mehr da. Aber ich bin mir nicht immer mit mir selbst einig. Es kann sein, dass ich mir mit meiner hoffenden Art und Weise, meiner inneren Alarmanlage (als vormals abgespaltene Persönlichkeit von mir Kribalg genannt) und meinem sachlich-analytischen Datenbankfuzzi (als vormals abgespaltene Persönlichkeit von mir bugi genannt) bei der Beurteilung einer Sache oder Situation uneinig bin.

Kribalg war niemand der groß im Innen was sagte und im Außen war er auch nur selten aktiv. Kribalg brüllte im Innen kurz und laut, wenn etwas eine Gefahr darstellte. Dabei war er im Regelfall sehr genau in seiner Wahrnehmung. Diese Fähigkeit konnte ich mir sehr gut zu Eigen machen, nachdem ich bereit war zuerst seine Persönlichkeitsmerkmale als meine anzunehmen. Ich habe nun eine gute, funktionierende Alarmanlage!

bugi hatte immer wieder im Innen Informationen beizutragen – diese Stimme in mir war lange sehr klar erhalten. Und wenn ich jetzt auf die Sachlichkeit, die ich von bugi übernommen habe umschalte, dann bekomme ich in diesem Moment nicht alles andere mit. Es ist dann eben meine Sachlichkeit ganz präsent. Die Hoffnung und andere Emotionen sowie Fähigkeiten sind dann sehr weit herunter gefahren. Ich kann jetzt selbst unter starken Belastungen sehr sachlich sein! Ich bin dann extrem auf diese eine Sache fokussiert. Aber allzu lange kann ich das meist auch nicht aufrecht erhalten.

Ich dissoziiere durchaus noch. Ich würde sagen 90% des Alltags bekomme mittlerweile mit, in 5% erlebe ich mich beobachtend, wie ich z.B. am PC programmiere oder andere Dinge unbewusst bzw. wie automatisiert durchführe. Und in 5% bekomme ich nichts mit. Es gibt Punkte, wo die letztgenannten 5% das besonders schnell auftreten. Z.B. als Beifahrer oder bei anderen schnellen Augenreizen. Wenn ich dieses Dissoziieren verhindern will, muss ich mich wirklich anstrengen. Es ist ein fokussieren und eine sehr hohe Achtsamkeit notwendig.

Wenn ich diese Achtsamkeit nicht aufrecht erhalten kann – ich versuche das aber nicht krampfhaft in den erwähnten Situationen – kann ich mir die Informationen über das, was in der Zwischenzeit geschehen ist, im Nachgang abrufen oder herleiten. Es entsteht also keine echte Zeitlücke mehr. Ich nenne es verschobene Zeitwahrnehmung.

Und Vergesslichkeit in einem wie ich finden großen Rahmen ist dennoch gegeben. Bin also kein alles wissender Klugscheißer geworden, als ich bereit war bugi’s Persönlichkeit als meine anzunehmen. Auch sind mir nicht alle Fähigkeiten des PC-Bereiches abhanden gekommen. Obwohl ich das im Vorfeld befürchtet hatte. Wenn ich es richtig sehe, sind nur jetzt nicht mehr benötigte Fähigkeiten nicht im Zugriff. Bitteschön, wozu brauche ich die Kenntnis, wie die automatisierte Datenbank zur Erfassung und Aufbereitung von technischen Produktdetails für Vergleiche im Internet funktioniert? Gar nicht mehr, denn ich bin aus diesem Beruf seit Jahren heraus. Also alles gut.

Meine sachlich-analytischen Fähigkeiten sind wie auch meine Alarmanlage immer autark aktiv… ich muss nicht daran denken, sie zu aktivieren, auch habe ich da nur einen gewissen Einfluss drauf es zu ‚unterbinden‘. Dennoch sind sie Teil von mir. So wie ich auch mein Herz nur in einem gewissen Maße beeinflussen kann, was die Geschwindigkeit des Herzschlages angeht. Es arbeitet autark ohne mein dazutun und dennoch empfinde ich es deswegen ja nicht als fremd oder schlimm. Und auch wenn ich nicht jeden Herzschlag mitzähle, kann ich mir ziemlich sicher sein, dass es, wenn ich dann mal mitzählen sollte, in der Zwischenzeit trotzdem geschlagen hat.

Und ein Sprachbild von mir hinterher: Der PC ist eingeschaltet und ich habe einen großen Download gestartet. Der Bildschirm wird schwarz weil ich zu lange inaktiv war. Während dessen läuft der Download weiter. Und wenn ich wieder aktiv werde, die Maus bewege, und sich augenblicklich der Bildschirm anschaltet, dann wird wie erwartet der Download schon weiter fortgeschritten sein. So bin auch ich als ‚PC‘ nicht ausgeschaltet, wenn die Sachlichkeit aktiv ist oder wenn ich dissoziiere. Ich kann meinen ‚Download‘ nicht plötzlich beschleunigen und sehe nicht unbedingt alles, weil der Bildschirm gerade aus ist. Aber wenn der Download abgeschlossen ist, bemerke ich dass durch ein Signal, bewege die Maus wieder aktiv und sehe das Ergebnis. Das alles läuft autark.

Kann ich weniger dissoziieren? Will ich weniger dissoziieren? Keine Ahnung. Ich kenne es nicht anders und ich vermute – da Dissoziationen an sich nichts unnormales sind – dass es in einem gewissen Umfang auch so bleibt.

Gibt es weniger Schmerzen?

Ich habe ja auch einige physische Körperschäden. Ein kaputter Wirbel bereitet nach wie vor die gleichen Schmerzen und hat weiter die gleichen körperlichen Auswirkungen. Leider bedeutet ‚Integriert‘ nicht, dass körperliche Erkrankungen verschwinden. Was sich aber geändert hat, ist der Umgang mit diesen Schmerzen. Früher waren die körperlichen Schmerzen ein starker Trigger, so dass immer wieder mit den erinnerten Schmerzen der Vergangenheit assoziiert wurde und dadurch im Innen Panik ausbrach. „Hilfe, man tut mir wieder was an!“ Nun aber ist es klar, dass diese Schmerzen heute nichts mit der Vergangenheit zu tun haben. Sie sind nervend und tun halt weh… aber sie sind nichts was heute traumatisch ist.

Was definitiv weniger geworden ist, sind die Verkrampfungen und Beweglichkeitsausfälle in den Händen und Beinen. Ja, ein Teil davon ist ebenfalls auf den Wirbel zurück zu führen, aber es wurde durch die Dissoziationen immer sehr verstärkt. Diese Verstärkung ist nun nicht mehr so sehr gegeben.

Gibt es noch Körper-Erinnerungen oder irgendwelche Flashbacks bzw. Intrusionen?

Nach den ersten Fusionen gab es noch massig Flashbacks und Intrusionen. Ich habe sie sogar viel stärker erlebt – nicht weil sie stärker waren, sondern weil ich sie mehr mitbekommen habe. Und ja, das ein oder andere Mal hätte ich da fast aufgegeben. Im gesamten letzten Jahr haben die Flashbacks und Intrusionen mit jedem weiteren Zusammenschluss immer weiter abgenommen. In den letzten Monaten hatte ich nun keine Flashbacks mehr, Intrusionen gab es letztes Jahr noch weniger stark ausgeprägte. Wenn man Intrusionen als unkontrollierbar wiederkehrende, quälend ins Bewusstsein drängendes Wieder-erinnern und Wieder-erleben von traumatischen Ereignisse definiert, dann würde ich sagen, hat es auch diese in den letzten Monaten nicht mehr gegeben. Weil die aufkommenden Erinnerungen hier nicht mehr als aktuelle Qual wahrgenommen werden.

Körper-Erinnerungen gibt es im gewissen Grad noch. Wenn ich einen bisherigen Trigger wieder abbekomme, löst es durchaus noch eine Erinnerung aus. Früher ging z.B. sofort der folgende Film los: Uringeruch = es erfolgt ein Übergriff = ich habe körperliche Schmerzen an bestimmten Stellen = ich dissoziiere und bekomme nichts mehr mit. Heute rieche ich z.B. Urin, es löst ein unangenehmes Gefühl aus und ich erkenne dass es aus der Vergangenheit kommt. Daher kann mich im hier und jetzt halten. Ich kann dann entscheiden mich aus der Geruchs-Zone zu bewegen oder sogar dort zu bleiben, wenn es dafür einen relevanten Grund gibt. All das bewirkt im Moment kein Dissoziieren mehr. Es ist ein beobachtendes Wahrnehmen.

Gibt es noch Suizidgedanken?

Suizidgedanken sind schon ‚längere‘ Zeit passee – seit ich mit mir selbst einen Vertrag abgeschlossen hatte, dass ein Suizid keine Option ist. Das war zu Zeiten, wo gerade erst die Vernetzung aufgebaut war.

Gibt es noch Depressionen?

Es kommt vor, dass ich mich mit einer Situation eine gewisse Zeit lang überfordert fühle. Hier gibt es durchaus heftige Depressionen, wenn ich mir z.B. Sorgen mache, ob ich das Erreichte aufrecht erhalten kann.

Ich denke sich Sorgen zu machen ist absolut OK. Völlig sorglos durch die Gegend zu laufen wäre auch nicht sinnvoll und würde zu Gefahren und Überlastungen führen.

Allerdings mache ich mich deswegen nicht endlos im Vorfeld verrückt. Ich weiß, dass die dunklen Gedanken nach einer gewissen Zeit vergehen. Dennoch sind diese depressiven Phasen ‚unschön‘ (Ich denke es ist klar, wie ich dieses Wort meine).

Gibt es jetzt keine Probleme mehr?

Hehe, das Thema hatten wir vor einiger Zeit im Shiatsu. ‚Problem‘ – ein Wort, dass ich immer weniger verwende. Wahrscheinlich, weil die Definition von ‚Problem‘ mittlerweile immer mehr in meinem Wissen und Gefühl ankommt.

Ein Problem ist ein Hindernis, das überwunden oder umgangen werden muss, um von einer unbefriedigenden Ausgangssituation in eine zufriedenstellende Zielsituation zu gelangen.

Nach Wikipedia

Und da ich mittlerweile zu der Ansicht gekommen bin: ‚Es ist gut so wie es ist‘, sind Dinge zwar für einen Moment stressend, belastend und nervend, eine Herausforderung und vielleicht sogar sehr schwierig oder gar nicht durch mich zu lösen. Aber ich empfinde sie nicht mehr als Problem, da ich diese Dinge nicht lösen oder umgehen muss, um zufrieden zu sein.

Die Frage der Therapeutin war (bezogen auf die damals noch nicht vollständige Fusion): „Ist es ein Problem für dich, dass da noch zwei andere so ‚erhalten‘ sind?“ Diese Frage hatte sie schon in der Woche zuvor gestellt und war ein Anreiz um weiter zu Forschen. In der nächsten Sitzung war ich nun in der Lage mit einem „Nein“ zu antworten. „Tatsächlich ist es so wie es vor einem Jahr war, gut gewesen. Es war so wie es vor einem halben Jahr war auch gut. Und auch jetzt im Moment ist es gut. Und es wird weiterhin gut sein – selbst wenn es sich im Innen in irgendeine andere Richtung entwickelt. Egal ob da sich alles mehr vermischt, ob es ‚festgehalten‘ wird oder irgendwann neues entstehen sollte. Emotional möchte ich das noch besser annehmen können als ich es schon vom Wissen her kann. Aber auch dieser Zustand mit hauptsächlich Wissen ist gut.“

Es ist wesentlich mehr Gelassenheit da, die Dinge, die ich nicht ändern kann, für den Moment als gut oder zumindest mit einem gelasseneren ‚Mal sehen wie es sich entwickelt‘ anzunehmen.

Auch ‚forsche‘ ich weiter, welche Dinge eventuell noch erreichbar sein könnten. Ich glaube, dass jeder Mensch sein ‚persönliches Maximum‘, sein persönliches Maß an ‚Vollkommenheit‘ anstrebt. Nicht im Sinne von ‚in verbissener Perfektion darauf hinarbeiten‘. Sondern es zu erforschen und voller Freude von all den Varianten und Möglichkeiten im positiven Sinne überwältigt zu sein.

Selbst wenn der jetzige Zustand dabei mein Maß an ‚Vollkommenheit‘ sein sollte, dass ich momentan erreichen kann, heißt es nicht, dass alles starr bleibt. Das Leben und ich persönlich werden kontinuierlich Veränderungen erfahren. Der Gedanke an die ein oder andere Änderung macht zur Zeit noch unsicher – auch wenn das Wissen da ist, dass es ‚gut sein wird‘. Aber diese Unsicherheit hält mich nicht mehr von Veränderungen ab.

Als Beispiel kann ich hier das Shiatsu anführen. Die Shiatsu-Tante fragte ja Ende letzten Jahres schon einmal, ob ich die Therapie bei ihr noch benötige. In diesem Moment antwortete ich ihr, dass ich sie noch benötige. Ich erklärte im Nachgang nicht wirklich das wieso. Es war nur sehr eindeutig eine: „Brauche ich noch!“ mit dem Zusatz, dass ich mir in Zukunft aber andere Konstellationen vorstellen kann. Dieses Thema kam in dieser Woche noch einmal zur Sprache. Nun konnte ich erklären, warum ich noch Schwierigkeiten mit diesem Gedanken habe.

Ich habe zwei Menschen, mit denen ich mich auf dieser besonderen ’spirituellen‘ Ebene anreichern kann. Den Doktor und die Shiatsu-Tante. Durch die Kommunikation auf dieser Ebene werden z.B. die Sprachbilder für mich erarbeitet. Diese beiden Personen schauen mit ihrer medizinischen Bildung weit über den normalen Horizont hinaus und haben so quasi meine ganz individuellen Denkweisen gefördert. Mit meiner lieben Frau kann ich diese Kommunikation auch führen – oft mals aber erst ab dem Moment, wo so etwas bei mir angestoßen ist. Sie hat nicht den speziellen fach-medizinischen Hintergrund um diese Gedankengänge generell anzustoßen, ist aber voll auf der gleichen spirituellen und emotionalen Ebene wie ich. Manchmal bringt sie mich aber auch zu neuen Sprachbildern, die mir in der Erforschung meines Selbst helfen.

Ich erklärte der Shiatsu-Tante, dass mir klar ist, dass ich die Fähigkeit zu dieser ’spirituellen Anreicherung‘ habe, sonst könnte ich nicht solche Gespräche mit ihr führen. Noch ist es aber so, dass das theoretische Wissen und das Emotionale hier nicht verbunden sind. Das führt dazu, dass ich mir diese Sorgen mache. Ich bin aber offen für Veränderungen – auch für diese. Ich möchte nur gerne meine emotionale Annahme dieses Weges vorbereiten. Sie meinte darauf, dass sie bereits eine Idee habe, wie ich das erreichen kann und da wollen wir dann nächste Woche genauer hinschauen.

Was vermisst du und was freut dich?

Tatsächlich ist es extrem ungewohnt und schwierig mit so viel akustischer Ruhe im Kopf klar zu kommen. Ich vermisse die ein oder andere Kommunikation mit Unterstützern im Innen und es ist mehr als nur ungewohnt, Dinge nun mit mir selbst ‚auszudiskutieren‘ – also eigentlich keine Diskussionen, sondern Monologe führen, ist nun angesagt (und Monologe sind a. extrem ungewohnt und b. langweilig).

Auch ist es sehr ‚bizarr‘, dass gewisse Emotionen und Verhaltensweisen in mir so stark ausgeprägt sind. Früher habe ich viele dieser Emotionen nicht als Teil von mir wahrgenommen und jede Emotion, die ich dazu lernte war zwar eine Bereicherung aber auch erstmal eine Belastung. Gerade die kindlichen Emotionen und Verhaltensweisen sind da zu nennen.

Ich ‚vermisse‘ gewisse Fähigkeiten, die ich (noch) nicht wieder integrieren konnte (bei der ein oder anderen Fähigkeit ist es nicht so tragisch, dass sie nicht verfügbar ist, bei anderen ist es schon schade). Da ist die Kunst, Sprachen, Musikalität… da ist sehr viel Distanz zu den früheren Fertigkeiten und den emotionalen Aspekten gegeben. Das ist aber nun nicht ein Vermissen, dass mich in Verzweifelung stürzt. Eher so, wie wenn ich einen guten Freund längere Zeit nicht gesehen habe, aber weiß, dass ich ihn in der Zukunft wieder sehen werde. Ich vermisse ihn, freue mich daran, dass wir in der Vergangenheit eine schöne Zeit haben und freue mich darauf ich möglicherweise in der nächsten Zeit wieder zu sehen.

Da ich mittlerweile verstanden habe, dass die Fähigkeiten nicht weg sind, sondern ich nur gerade keinen Zugriff darauf habe, ist mir klar, dass diese Fähigkeiten ebenso wie die abgespaltenen Persönlichkeiten wieder integriert werden könnten, wenn es denn dann hier so erarbeitet werden möchte. Damit ist auch dieser Punkt nun in dem Bereich: „Es ist gut wie es ist und es ist gut wie es kommen wird.“

Ich freue mich darüber, dass ich mich in ungeahnt freier Form im Außen bewegen kann ohne von Ängsten gefangen zu sein. Und auch dass sowohl die sexuellen Horrorszenarien in den Flashbacks als auch die Selbstverletzungen vergangen sind. Und ich freue mich öfter einfach an der Freude – genauer gesagt an meinen Emotionen im Allgemeinen.

Hat der Kampf sich gelohnt?

Ja. Ganz klar. Mein persönliches Resümee ist da eindeutig. Und das ist absolut unabhängig davon, dass ich noch weiter Therapie nutze, wie ich mich weiter entwickele oder welche Dinge in Zukunft geschehen könnten. Ich brauche keine ‚Glaskugel‘ die mir alles ganz gewiss anzeigt um zufrieden zu sein.