Ratgeber: Schwerbehinderung

Die Festlegung des Grades der Behinderung (GdB) ist für viele Betroffene immer wieder ein Buch mit sieben Siegeln. Das ist auch durchaus verständlich. So ist es doch keine Seltenheit, dass zwei Betroffene mit den selben Diagnose-Schlüsseln bei der Beantragung sogar im gleichen Versorgungsamt einen völlig unterschiedlichen GdB bescheinigt bekommen.

Wie kommt das zustande?

Auch wenn viele meinen, es wäre rein von dem Sachbearbeiter abhängig und es herrsche absolute Willkür bei der Festlegung des GdB, gibt es doch kleinere Hilfen, mehr Gerechtigkeit zu erfahren.

Der generelle Grundgedanke ist, dafür zu sorgen, dass dem Sachbearbeiter klar wird, was für Einschränkungen der Betroffene im Alltag erlebt. Dazu ist es nötig, den Zusammenhang zwischen den einzelnen Diagnosen zu verdeutlichen.

Eine reine Auflistung der Diagnosen und Beschwerden zeigt nicht auf, wie sehr man im Alltag eingeschränkt ist. Und erst recht wird nicht klar, inwieweit die DIS / DSNNS Ursache oder Verschlimmerungsgrund ist.

Beispiel

Auflistung der Diagnosen:

Es ist Arthrose im Fuss diagnostiziert, eine Adipositas, Angststörung und DIS / DSNNS.

Ermittlung des GdB:

Die Arthrose würde im Normalfall mit einem GdB zwischen 0-10 bewertet.

Eine Adipositas bedingt normalerweise keinen GdB. Nur Folge- und Begleitschäden können einen GdB bedingen. Anders sieht es jedoch aus, wenn man nachweisen kann, dass die Adipositas ein Folge einer anderen Erkrankung (in diesem Fall z.B. der DIS) ist.

Die Angststörung kann mit einem GdB von 0-100 bewertet werden. Die dauerhaft erlebten Einschränkungen sind entscheidend.

Ebenso kann die DIS / DSNNS mit einem GdB von 0-100 bewertet werden. Die dauerhaft erlebten Einschränkungen sind entscheidend.

Hier wäre der gesamt GdB irgendwo zwischen 0-100 angesiedelt – und entspricht damit der gefühlten Willkür des Sachbearbeiters.

Genaue Ausführung der Einschränkungen:

Wie wäre der Antrag korrekt zu stellen, damit der GdB den tatsächlichen Einschränkungen gerecht wird?

Die Adipositas ist Folge einer Essstörung aufgrund von Dissoziationen. Es ist nicht bekannt ob oder ob nicht gegessen wurde. Es ist nicht möglich sich daran zu erinnern und die Wahrnehmung der einzelnen Persönlichkeiten ist völlig unterschiedlich. So isst eine Persönlichkeit Süssigkeiten bis sie satt ist und wenn es später zu einem Persönlichkeitswechsel kommt, hat derjenige trotzdem Hunger und ist eine normale Mahlzeit. Somit ist es nicht möglich die Ernährung richtig zu steuern.

Die Adipositas verstärkt wiederum die Arthrose, so dass die Bewegungsfähigkeit weiter eingeschränkt wird und es zu einer weiteren Gewichtszunahme kommt.

Die Angst und Panikstörung bewirkt dissoziative Wechsel in traumanahe Persönlichkeiten, wenn andere Menschen zu nahe kommen, oder es sogar zu einem Körperkontakt kommt. Die bekannten Auslöser (Trigger) sind dabei so vielfältig und die Dissoziationen so häufig, dass man die Wohnung ohne Begleitung nicht verlässt. Eine Begleitung sorgt dafür, dass man durch Blickkontakt und Ansprache möglichst lange im Hier und Jetzt bleiben kann. Ausserdem hilft die Begleitung dabei, nötige Gespräche bei Ärzten, Behörden und z.B. beim Einkaufen zu beginnen oder sogar weiter zu führen. Eine Begleitung merkt sich was geschehen ist und wiedererzählt das, was man selber nicht mitbekommen hat, zu einem späteren Zeitpunkt. Selbst Spaziergänge im Freien sind ohne Begleitung nur bedingt möglich.

Nachdem man alles einmal ausführlich benannt hat, sollte man praktische Alltagsbeispiele anführen. Wenn diese aktenkundig sind (z.B. Polizei, Klinik), sollte man diese Akten in Kopie beilegen. Wichtig ist hierbei, dass die Unterlagen nicht älter als zwei Jahre sein sollten.

Wichtig: Alles Behauptungen über Diagnosen müssen mit fachärztlichen Dokumenten hinreichend belegt werden.

Alltagsbeispiele anführen:

Am xx.xx.xxxx wurde ich nachts von der Polizei an einem Feldrand im 150 Kilometer entfernten Ort XYZ aufgefunden. Wie ich dorthin gelangt bin, ist uns nicht bekannt. Die Aussentemperatur betrug zu dieser -3 Grad und eine Gesundheitsgefährdung durch Unterkühlung war gegeben.

Wiederholt kam es vor, dass ich bei einem Spaziergang mit meinem Hund nach mehreren Stunden immer noch nicht wieder Zuhause war. Ich wurde über Handy von unserer Partnerin geortet und sie machte sich auf den Weg, uns zu suchen. Mal befand ich  mich in einem Waldstück ca. 20km von Zuhause entfernt, hatte mich verlaufen und konnte das Handy nicht bedienen, mal war ich bis in eine andere Stadt gefahren und konnte nicht mehr nach Hause finden.

Bei meinen Terminen zur Psychotherapie bei Frau XYZ kommt es häufiger vor, dass ich nicht weis, ob ich diesen Termin wahrgenommen habe oder nicht. Mal befand ich mich an einer mir unbekannten Bushaltestelle, mal fand ich mich bei Betreuern von meiner psychosozialen Einrichtung wieder.

Am xx.xx.xxxx wurde uns ein Fernseher über Amazon geliefert, den ich angeblich bestellt hatte. Ich habe keinerlei Erinnerungen an eine solchen Vorgang. Meine Vorsorgebeauftragte hat den Kauf rückgängig gemacht und die Ware wieder zurück gehen lassen. Solche Vorfälle hat es bereits mehrfach gegeben.

Die Merkzeichen angeben, die beantragt werden:

Generell gilt, dass die zusätzlichen Merkzeichen nur von Personen beantragt werden können, die schwer-behindert im Sinne des Gesetzes sind. Hier legt der Gesetzgeber einen GdB von mindestens 50 an. Darunter hat man nicht den passenden Status, um überhaupt ein Merkzeichen zu beantragen. Mann kann bei einem GdB unter 50 jedoch eine Gleichstellung mit Schwerbehinderten beantragen. Hier wird im Einzelfall entschieden.

G – Erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr

Ein Mensch ist in seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt, wenn er infolge einer Einschränkung des Gehvermögens, auch durch innere Leiden, oder infolge von Anfällen oder von Störungen der Orientierungsfähigkeit nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten oder ohne Gefahren für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr zurücklegen vermag, die üblicherweise noch zu Fuß zurückgelegt werden (ca. 2 km in etwa ½ Stunde).

Hier ist wichtig, dass man seine Einschränkungen an denen eines Blinden messen sollte. Ein Blinder ist immer erheblich beeinträchtigt im Straßenverkehr.

Anmerkung hierzu: Die “Einschränkung des Gehvermögens, infolge von Anfällen oder von Störungen der Orientierungsfähigkeit nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten ohne Gefahren” ist bei den oftmals bei Dissoziativen gegeben, da nicht garantiert werden kann, dass man mitbekommt, ob eine Fussgängerampel gerade grün zeigt, oder dass an einem Zebrastreifen ein Auto nicht anhält – zumindest, wenn die Dissoziationen so häufig auftreten, dass sie von den Zuständigen als „immer“ klassifiziert werden können.

aG – Außergewöhnliche Gehbehinderung

Als schwerbehinderte Menschen mit außergewöhnlicher Gehbehinderung sind solche Personen anzusehen, die sich wegen der Schwere ihres Leidens dauernd nur mit fremder Hilfe oder nur mit großer Anstrengung außerhalb ihres Kraftfahrzeuges bewegen können.

Anmerkung hierzu: Die “Aussergewöhnliche Gehbehinderung”, wird meist nur vergeben, wenn man den grössten Teil des Alltags im Rollstuhl verbringen muss, aber kurze Strecken z.B. mit Krücken gehen kann oder aber komplett auf den Rollstuhl angewiesen ist.

B – Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson

Schwerbehinderten Menschen sind zur Mitnahme einer Begleitperson berechtigt, wenn sie bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln infolge ihrer Behinderung regelmäßig auf fremde Hilfe angewiesen sind. Ein Kennzeichen B ist nur in Verbindung mit dem Kennzeichen G möglich und kann daher nicht einzeln beantragt werden.

Anmerkung hierzu: Die “Begleitperson”, wird meist nur genehmigt, wenn man klar herausstellt, wie im Alltag die Einschränkungen bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln aussieht. Herausstellen, wie häufig man bereits in den verkehrten Bus eingestiegen ist oder den Ausstieg verpasst hat. Angeben, wie oft man nicht mit dem Bus fahren kann, weil die Enge und Vielzahl der Personen zum dissoziieren führt und danach die Orientierung nicht mehr möglich ist.

RF – Befreiung von der Rundfunkgebührenpflicht

Aus gesundheitlichen Gründen sind folgende Menschen von der Rundfunkgebührenpflicht zu befreien:

  • Blinde oder nicht nur vorübergehend wesentlich Sehbehinderte mit einem GdB von wenigstens 60 allein wegen der Sehbehinderung.
  • Hörgeschädigte, die gehörlos sind oder denen eine ausreichende Verständigung über das Gehör auch mit Hörhilfen nicht möglich ist.
  • Schwerbehinderte Menschen mit einem GdB von wenigstens 80, die wegen ihres Leidens an öffentlichen Veranstaltungen ständig nicht teilnehmen können.

Die behinderten Menschen müssen allgemein von öffentlichen Zusammenkünften ausgeschlossen sein. Es genügt nicht, dass sich die Teilnahme an einzelnen, nur gelegentlich stattfindenden Veranstaltungen -bestimmter Art- verbietet.

Anmerkung hierzu: Die “Befreiung von den Rundfunkgebühren”, wird nicht ausschliesslich aufgrund von Dissoziationen vergeben, da diese immer nur “vorrübergehender Natur” sind.

H – Hilflosigkeit

Hilflos ist ein Mensch, wenn er für eine Reihe von häufig und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen zur Sicherung seiner Existenz im Ablauf eines jeden Tages fremder Hilfe dauernd bedarf.

Anmerkung hierzu: Die “Hilflosigkeit”, ist z.B. gegeben, wenn Medikamente immer nur nach Aufforderung eingenommen werden, nur nach Aufforderung gegessen wird, oder wenn z.B. eine Körperpflege generell nicht stattfindet. Wenn man in einer Behindertenwerkstatt tätig ist und immer darauf angewiesen ist, abgeholt zu werden, kann ebenfalls eine Hilflosigkeit vorliegen. Hier ist recht viel Entscheidungsspielraum gegeben.

1.Kl – Notwendigkeit für die Benutzung der 1. Wagenklasse

Die Voraussetzungen für die Benutzung der 1. Wagenklasse mit dem Fahrausweis der 2. Wagenklasse erfüllen ausschließlich Kriegsbeschädigte und Verfolgte im Sinne des Bundesentschädigungsgesetzes mit einer Minderung der Erwerbsfähigkeit um wenigstens 70 v.H., wenn der auf den anerkannten Schädigungsfolgen beruhende körperliche Zustand bei Eisenbahnfahrten ständig die Unterbringung in der 1. Wagenklasse erfordert.

Anmerkung hierzu: Hier gibt es keinen Entscheidungsspielraum.

Bl – Blindheit

Blind ist ein Mensch, der das Augenlicht vollständig verloren hat; als blind ist auch ein Mensch anzusehen, dessen Sehschärfe auf dem besseren Auge nicht mehr als 1/50 beträgt oder bei dem eine dem Schweregrad dieser Sehschärfe gleichzuachtende, nicht nur vorübergehende Störung des Sehvermögens vorliegt.

Anmerkung hierzu: Hier gibt es kaum Entscheidungsspielraum.

Gl – Gehörlosigkeit

Gehörlos ist ein Mensch, bei dem Taubheit beiderseits oder eine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit beiderseits verbunden mit schweren Sprachstörungen (schwer verständliche Lautsprache, geringer Sprachschatz) vorliegt. In der Regel zählen hierzu hörbehinderte Menschen, bei denen die an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit angeboren oder in der Kindheit erworben ist.

Anmerkung hierzu: Hier gibt es keinen Entscheidungsspielraum.

Schreiben von behandelndem Fachpersonal beilegen:

Wichtig ist es auch, alles was von Ärzten, Therapeuten oder sonstigem Fachpersonal schriftlich zu den Alltagseinschränkungen festgehalten wurde, beizufügen. Alle Behauptungen über Diagnosen müssen mit fachärztlichen Dokumenten hinreichend belegt werden.

Da das Versorgungsamt die im Antrag erwähnten Ärzte und Therapeuten kontaktiert, ist es wichtig, mit diesen vorher genau zu besprechen, was man selber in dem Antrag schreibt und auf welche Punkte sie eingehen sollen, wenn sie auf die Anfrage des Versorgungsamtes antworten.

So ist es gegeben, dass alle an einem Strang ziehen.

Ablehnung und Widerspruch:

Es ist praktisch Standard, dass beim Erstantrag und auch bei Verschlimmerungsanträgen eine Ablehnung in mehreren oder sogar allen Punkten erfolgt.

Davon nicht einschüchtern lassen!

Es ist Widerspruch einzulegen. Diesem Widerspruch sollte man wenn möglich ein weiteres, ganz aktuelles Dokument beilegen. Dieses kann ein Schreiben vom Psychotherapeuten sein, dass ganz aktuelle Vorkommnisse aufführt, die noch nicht benannt worden waren oder aber ein Bestätigen, dass es zu einer weiteren Destabilisierung gekommen ist.

Wenn man den Widerspruch zudem gleich über einen Fachanwalt einreichen lässt und ein weiteres aktuelles Schreiben eines Facharztes beifügt, ist man auf der sicheren Seite, dass der Antrag nocheinmal gründlich überprüft wird.

Sollte dann wieder nach Aktenlage entschieden werden und der Bescheid nicht zufriedenstellend ausfallen, ist ein erneuter Widerspruch mit Anforderung eines Gutachtens durch das Versorgungsamt möglich. Diese Anforderung kann man theoretisch schon im vorherigen Schreiben stellen, aber eine nachträgliche Anforderung hat sich oftmals als wirkungsvoller erwiesen.