Interview Anni

INTERVIEW MIT EINER BETROFFENEN VON SOMATISIERUNGSSTÖRUNGEN UND PTBS

Der Bunte Ring: Hallo, Anni, erst einmal vielen Dank, dass du dich bereit erklärst, deine Erfahrungen mit uns zu teilen. Als erstes einmal ein paar Fragen, damit die Leser sich ein möglichst vollständiges Bild von dir und deinem Alltag machen können. Du bist weiblich, wie viel Jahre jung und was machst du beruflich?

Anni: Ich bin jetzt 31 Jahre alt und arbeite im Vertrieb als Außendienstmitarbeiter

Der Bunte Ring: Wärest du so nett uns deine Diagnosen im Groben zu nennen?

Anni: Somatisierungsstörung, also Dissoziative Konversionsstörungen und PTBS

Der Bunte Ring: Wie lange ist dein Trauma / sind deine Traumata her und wie lange danach hast du dich in eine therapeutische Behandlung begeben?

Anni: Der Abstand zur Traumatisierung ist 24 bzw. 21 Jahre. Je nachdem wie man es sieht 18 Jahre. In Therapie war ich mit 15 und 24, also 1 Jahr nach der „letzten Erfahrung“ und 10 Jahre danach noch mal. Allerdings ohne die Traumatisierung zu benennen. Erst vor zwei Jahren, also 16 nach der letzten Sache, habe ich es erneut mit einer Therapie versucht und in einer Klinik (für Psychosomatik) schließlich ausgesprochen was mich belastet.

Der Bunte Ring: Hast du die Diagnosen zeitnah in der Therapie bekommen?

Anni: Ja, innerhalb von 6-8 Wochen Klinikaufenthalt. Sie waren aber nur am Rande ein Thema.

Der Bunte Ring: Dann hast du eine lange Zeit ohne Hilfe an deiner Seite mit dem Erlebten zurechtkommen müssen. Wenn ich es richtig verstanden habe sind die ersten beiden Therapien ja nicht an den Kern gekommen. Was hat es dir in der letzten Therapie dann ermöglicht anzusprechen, was dich belastet?

Anni: In der ersten Therapie konnte ich es nicht ansprechen, weil ich noch minderjährig war und meine Eltern es erfahren hätten. In der zweiten dann wollte ich nicht. Es war eine Verhaltenstherapie und es war so, als ob ich einen Rucksack voller Scheiße mit mir herum trug, wir aber stillschweigend vereinbart hatten, dort nicht herein zu schauen. Die Therapeutin hat mir gezeigt, wie ich den Rucksack so halte, dass es möglichst wenig stinkt…

Bei dem Therapeuten nun war einerseits „mein“ Raum so beengt geworden, dass ich den Gestank selber nicht mehr ignorieren konnte (die Symptomatik war zu schwerwiegend geworden, der Leidensdruck entsprechend hoch) und andererseits ist er mir eben auch nicht zur Seite gesprungen mit irgendwelchen „Symptom zudeckenden“ Dingen, sondern hat gewartet, bis ich den Rucksack aufmache… Dadurch war irgendwie die Zeit reif, der Raum da, der Druck so groß, dass ich damit herausgekommen bin. Das war auch gut so, und hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass ich ihm relativ gut Vertrauen kann. Allerdings: ich spreche es immer noch selten an und viele Details kennt er noch nicht – obwohl ich gerne hätte, dass er es weiß, schaffe ich es nicht, es zu erzählen.

Der Bunte Ring: Danke dir für diese ausführliche Beschreibung. Der Vergleich mit dem Rucksack ist wirklich sehr gut und macht es sicher auch für andere begreifbarer, warum es so schwer fällt, sich an diese Punkte heran zu trauen. Was hat dir in deiner Therapie dann am Meisten geholfen, dann weiterkommen? Also welche Therapieformen waren für dich am hilfreichsten? Und gab es Therapie-Methoden, die du abbrechen musstest?

Anni: Ich habe alle Therapien offiziell zu Ende geführt. Die erste, mit knapp 15, war eine psychoedukative Gruppentherapie und als es dort für mich dann an einen Punkt kam, an dem ich mich öffnen wollte (und beinahe auch hätte), war letztlich mein inneres „Schweigegebot“ und eben die Angst davor, dass meine Eltern es erfahren würden, zu groß und ich habe mich mit dem Gruppenleiter, einem Psychologen, darauf verständigt, dass ich zwar noch zu letzten Terminen (ca. 4 Monate) kommen würde, aber mich nicht mehr aktiv beteiligen werde. Darauf hat er ich eingelassen, vielleicht weil er hoffte, dass ich es mir noch überlegen würde. Eigentlich wollte ich abbrechen, hätte das aber meinen Eltern erklären müssen. So habe ich dann wirklich die letzten Monate wöchentlich eine Gruppe besucht und schweigend dabei gesessen… Erstaunlich, dass die anderen das mitgemacht haben. Aber ich war eben auch mit Abstand die Jüngste dort.

Die Verhaltenstherapie mit Mitte zwanzig habe ich, unter Ausschöpfung sämtlicher möglicher Stunden, über 2 1/2 Jahre hinweg (mit längeren Pausen zwischendurch) gemacht und auch „ordentlich“ beendet. In dieser Therapie hat es mir sehr geholfen, dass eben von Beginn an für mich und auch für die Therapeutin klar war, das keine Ursachenforschung betrieben wird, sondern es darum geht, dass ich am Ende mit meinen „Symptomen“ leben kann. Manche Symptome habe ich dort nicht angesprochen, es ging vor allem um die körperlichen Auswirkungen und die Ängste (also das, was heute unter Somatisierungsstörung läuft). Dass ich dissoziative „Zustände“ habe, habe ich ihr nicht erzählt. Auch so musste ich mich oft überwinden und es war vieles sehr schambesetzt für mich, das „normalerweise“ gar nicht so beschämend ist. In der schlimmsten Zeit haben wir Doppelstunden gemacht, weil ich fast die ersten 50 Minuten gebraucht habe, mich zu überwinden. Dieses organisatorische Entgegenkommen war Gold wert! Mit der Zeit habe ich wirklich Vertrauen fassen können und mich auch besser öffnen können – aber meine Kindheit war dennoch kein Thema. Obwohl das Vertrauen (und der Leidensdruck) ausgereicht hat, mich dort weinen zu lassen, was mir sehr schwer gefallen ist. Allerdings: Dass sie das „ertragen“ hat und wir das dann NICHT thematisiert haben, das hat mir bewiesen, dass wir wirklich nicht über etwas reden, wenn ich nicht drüber reden will. Das meine Grenze da geachtet wurde, das war ganz wichtig. Insgesamt hat mit der Therapeutin die Chemie gestimmt, und sie hat sich eben auf diese „einschränkenden Bedingungen“ mit mir eingelassen – und ohne das hätte ich niemals eine Therapie mitgemacht. Gleichzeitig, natürlich, sehe ich wohl, dass diese einschränkenden Bedingungen auch verhindert haben, eine mehr „ursächliche“ Herangehensweise zu finden. Die Therapie war einerseits erfolgreich, weil ich danach wirklich besser klar gekommen bin, andererseits wurden die Symptome nicht besser. Über die Jahre dann ja sogar noch mal wieder schlimmer. Naja – auf mehr als auf das „Krankheitsmanagement“ hätte ich mich damals nicht eingelassen, ich war einfach nicht so weit.

Die Therapie nun, die ich im Anschluss an den Klinikaufenthalt (mit tiefenpsychologischer Einzelgesprächstherapie, Maltherapie, Tanztherapie und analytischer Gruppentherapie) begonnen habe, ist eine Psychoanalyse. Ich liege also wirklich, meistens zwei mal wöchentlich, auf der Couch. Und das ist manchmal sehr schwierig, aber meistens ermöglicht mir das „nicht gesehen“ werden und nicht „in die Augen gucken müssen“, etwas zu sagen, das ich schwer ansprechen kann. Der Therapeut gibt mir oft ein Gefühl von Sicherheit und er kann mich sehr gut „entlasten“, mich runter holen wenn es mir wirklich schlecht geht. Wir können auch beide lachen, das ist wichtig. Und er sagt, wenn er mich nicht versteht und BEMÜHT sich wirklich darum, das dann zu verändern (das ist eine ganz neue und wichtige Erfahrung für mich gewesen, dass er mir das nicht vorwirft, aber trotzdem anspricht).

Allerdings gibt es leider auch Misstrauen, die Angst vor ihm, die Ungeduld mit mir selber, das Verstecken-Wollen, viele ungesagte Dinge … Ich weiß inzwischen, vom Kopf her, dass ich all dies mit ihm tatsächlich besprechen könnte, ich weiß wie gut es tut, verstanden zu werden, und dass er wirklich bemüht ist, mich zu verstehen. Und trotzdem kann ich, gerade momentan, nicht über meinen Schatten springen. Und, anders als in der Verhaltenstherapie, wird das nun gefordert von mir. Das tut weh. Aber auch das hilft tatsächlich manchmal dabei, mich „weiter“ zu pushen und mir selber immer klarer zu werden, was da eigentlich alles so los ist in mir. Und das ist ja das Ziel einer Psychoanalyse.

Mir fällt gerade beim Schreiben ein, dass ich noch eine weitere Therapie gemacht habe, und die habe ich wohl tatsächlich irgendwie abgebrochen. Ich habe nach der Klinik auf eigene Rechnung die Tanztherapie eine Weile fortgeführt. Geplant waren ca. drei Monate, daraus wurde ein Jahr. Abgebrochen habe ich, weil ich es finanziell nicht mehr gut stemmen konnte, aber auch, weil zwischen mir und der Therapeutin etwas „gekippt“ ist. Ich bin mit ihr sehr gut klar gekommen und konnte die non-verbale Therapieform auch gut nutzen und annehmen, habe mich dort sehr wohl und auch sehr „gestützt“ gefühlt – und dann ist bei mir innerlich eine totale Sperre aufgetreten, ich wollte plötzlich nicht mehr mit ihr reden. Leider habe ich das nicht thematisiert, und auch nicht zugelassen, dass sie das tut (versucht hat sie es wohl). Dann habe ich noch einige wenige Stunden bei ihr wahrgenommen, in denen ich nichts mehr mit ihr besprechen wollte, aber gerne noch Entspannungsübungen und Imaginationen machen wollte, was mir immer sehr gut getan hat. Aber „nur“ dafür war es natürlich zu teuer…

Der Bunte Ring: Man kann also sagen, dass du durchaus sehr therapieerfahren bist. Du hast dich im Laufe der Zeit auf verschiedene Therapien eingelassen, gemerkt, welche für dich hilfreich sind und welche nicht. Auch kannst du jetzt im Nachgang sehr gut reflektieren, wann und welche Hemmnisse aufgetreten sind. Dafür erst einmal ein Lob! Du schriebst schon, dass du eine Therapie auf eigene Kosten weitergeführt hast. Das bringt uns zu dem Punkt, wie gut du dich bei deiner Krankenkasse aufgehoben gefühlt hast, was die Untersützung und Hilfsbereitschaft angeht. Wie war das bei dir?

Anni: Bisher hatte ich keine großen Probleme, zumal die Krankenkasse nach längerer Arbeitsunfähigkeit (damals waren es ca. 2 Monate) auch schon mal beschleunigt etwas genehmigt hat. Die Tanztherapie habe ich gar nicht erst beantragt damals, weil so was ja nie gezahlt wird. Leider! Übrigens: auch die letztlich viel zu hoch dosierten Medikamente gegen Durchfall, Schmerzen und Übelkeit habe ich, trotz Verordnung auf Privatrezept, über Jahre wenigstens anteilig erstattet bekommen. Nur – eine Betreuung oder Begleitung gibt es natürlich nicht. So hat es bspw auch bei der Kasse keinen gegeben, der wegen des hohen Medikamentebedarfs mal etwas anderes vorgeschlagen hätte. Welche Möglichkeiten (z.B. Psychosomatik-Klinik) es noch gibt wusste ich gar nicht. Und all das habe ich mir letztlich selber gesucht… Aber bezahlt haben sie ohne Aufstand…!

Der Bunte Ring: Wie sieht denn dein Alltag zur Zeit aus? Was sind so die grössten Herausforderungen? Und gibt es etwas, was du so sehr ändern konntest, dass du damit nun zufrieden bist?

Anni: Puh, da musste ich nun erst drüber nachdenken… Mein Alltag sieht so aus, dass ich viel arbeite, manchmal (oft in letzter Zeit) brauche ich für meine Aufgaben viel länger als eigentlich nötig, weil ich so abgelenkt bin. Oder ich mache Fehler, die ich „normalerweise“ nicht mache – deshalb arbeite ich derzeit viel länger (ohne mit dem Ergebnis so recht zufrieden zu sein). Ich würde jetzt gerne schreiben, dass das eine Phase ist, eine Ausnahme – aber tatsächlich geht es nun schon das ganze Jahr über so – und ist für mich Alltag geworden.

Ich habe Haustiere – Hunde – und die zu versorgen ist manchmal auch eine Herausforderung im Alltag. Ich schaffe es, auch weil sich liebe Menschen finden, die mich unterstützen, wenn ich z.B. arbeiten bin. Die Hunde und das tägliche Laufen ist wichtig für mich. Bewegung, Ruhe – und einmal nicht allzu viele Dinge gleichzeitig machen… Ich habe einen relativ großen Freundes- und Bekanntenkreis, so dass zum Alltag für mich auch dazu gehört, mit den Menschen Kontakt zu halten, dir mir etwas bedeuten. Ich schreibe viel und telefoniere gerne. Da ich alleine wohne, nimmt auch der Haushalt seinen Platz im Alltag ein. Denn ich mache ja alles alleine. Für Hobbies bleibt da nur wenig Zeit, aber ich spiele Gitarre und habe einmal die Woche Unterricht.

Ich glaube, von außen betrachtet, komme ich gut klar und stehe sehr im Leben. Innerlich fühle ich mich aber oft überfordert und frage mich auch, wie lange ich das noch schaffe. Gesundheitlich (Somatisierungsstörungen) geht es derzeit recht gut, zum Glück. Allerdings schlafe ich nun schon seit Monaten sehr schlecht, inzwischen ist mein ganzer Rhythmus verschoben. Das ist ein richtig großes Problem, denn je müder ich bin, desto eher dissoziiere ich natürlich auch (und umso unkonzentrierter und langsamer bin ich…).

Es ist so, dass ich kaum zur Ruhe komme, auch weil ich immer so viel gleichzeitig mache – aber wenn ich dann einmal ruhig werde, dann kommt momentan viel Trauma-Erinnerung hoch. Und dann wiederum ist viel Aufruhr unter meinen inneren Stimmen. Also meide ich eben auch irgendwie die Ruhe und schlafe erst, wenn ich im Grunde fast „umfalle“… Das ist ein Teufelskreis, der sich inzwischen durch meinen ganzen Alltag zieht. Ich merke oft gar nicht, was ich brauche oder fühle. Die Empfindungen (auch die Körperlichen) sind relativ „abgespalten“, deshalb reagiere ich dann erst mit Verzögerung (auf mich, auf andere…). Und ich habe für einiges, was ich bräuchte gar nicht die Zeit (Malen, Meditation…), obwohl es dringend nötig wäre, besser in mich hinein zu hören. Das ist derzeit eine große Herausforderung.

Am meisten geholfen hat mir, dass ich weniger dissoziiere – mehr „bei mir“ bleiben kann, dass ich sehr reflektiert bin, und dass ich einige Übungen (Achtsamkeit und andere Skills) gelernt habe, die tatsächlich helfen, wenn ich z.B. beim Autofahren beginne abzudriften. Auch die Panik-Attacken habe ich heute besser im Griff. Auch, weil ich genauer zuordnen kann, was ich fühle und warum (und dass es „heute“ keinen Grund dafür gibt). All das erleichtert meinen Alltag enorm!

Daran hatte die Therapie(n) großen Anteil, aber für mich ganz wichtig war auch, Kontakt zu Menschen zu suchen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich und mit denen ich darüber reden kann. Mein Mitteilungsbedürfnis schwankt zwar noch extrem, aber insgesamt tut es mir gut, dass ich mich inzwischen mitteilen kann – täglich und verschiedenen Menschen – und zwar nicht nur wenn es mir gut, sondern auch wenn es mir schlecht geht. Auch über das Trauma beginne ich nun zu reden (womit ich selber im Nachhinein allerdings manchmal große Probleme habe), was auch befreiend ist, weil es so auch zu etwas „alltäglichem“ wird – es beginnt irgendwie „immer“ zu mir zu gehören.

Sehr positiv wirkt sich auf mein Leben aus, dass ich mich von meinen Eltern bzw. der ganzen Familie inzwischen ganz gut abgrenzen kann. Das tut mir gut!

Der Bunte Ring: Das, was du beschreibst, kennen sehr viele Betroffene – dies ist uns immer wieder mitgeteilt worden. Deine Fortschritte sind sehr groß und dass du dies auch erkennst, zeigt, wie sehr du das was du in deinen Therapien gelernt hast, auch umsetzt. Bei all diesen Fortschritten zeigst du aber auch deutlich auf, dass die Herausforderungen im Alltag weiterhin bestehen bleiben.

Es ist sicherlich sehr ermunternd für andere, zu lesen, dass sie nicht alleine mit diesem „Ablauf“ da stehen. Und es ist bestimmt auch Mut machend, nicht aufzugeben, sondern immer weiter an sich zu arbeiten und sich so ein Leben aufzubauen, dass einem auch gut tut.

Vielen Dank Anni für deine offenen und ausführlichen Antworten. Wir wünschen dir viel Kraft für deinen Alltag und den Mut, weiter das, was du gelernt hast anzuwenden.