Interview Yves-Robin Josie

INTERVIEW MIT EINER BETROFFENEN VON DISSOZIATIVER IDENTITÄTSSTÖRUNG

Der Bunte Ring: Hallo, erst einmal vielen Dank, dass du dich bereit erklärst, deine Erfahrungen mit uns zu teilen. Am Anfang ein paar Fragen, damit die Leser sich ein möglichst vollständiges Bild von dir und deinem Alltag machen können. Wie alt ist der Körper, welches Geschlecht hat er und wie möchtest du angesprochen werden? Verwendest du lieber „Ich“ oder „Wir“?

Yves-Robin Josie: Das „Wir“ haben wir uns gerade erarbeitet. Yves-Robin Josie, ist der Name, mit dem wir uns identifizieren können. Der Körper ist weiblich und 35 jahre alt.

Der Bunte Ring: Dann nehmen wir hier auch das „Wir“. Was macht ihr beruflich?

Yves-Robin Josie: Wir sind seit 3 Jahren berentet. Aber vorher haben wir in den verschiedensten Berufsbereichen gearbeitet. Vom Telefonmarketing über Roomservice, als Küchenhilfe, in der Wäscherei eines Altenheimes, als Verwaltungsangestellte in einem Altenheim und dabei nebenher in Vollzeit eine Berufsfördermaßnahme zur Bürokauffrau. Wir haben bei einer Frauenbeschäftigungsgesellschaft 8 Monate in verschiedenen Bereichen gearbeitet, wie z.B. bei Woolworth im Weihnachtsgeschäft. Auch sind viele berufliche Rehaangebote des Arbeitsamtes und der Arge in den Jahren von 2002 bis 2010 gemacht worden. Diese fanden dann in den Bereichen Tankstelle, Altenheim und Verkauf statt.

Der Bunte Ring: Das ist eine Vielzahl an völlig unterschiedlichen Berufen, die eure Vielschichtigkeit aufzeigt. Lebt ihr oder einer von euch eigentlich in einer Beziehung?

Yves-Robin Josie: Eigentlich sind wir Single. Aber Carmen lebt sowas wie eine „zeitweise Beziehung“ mit dem Ex-Mann von Moon, einer anderen von uns.

Der Bunte Ring: Das hört sich kompliziert an und stellt euch sicher vor Herausforderungen. Wieso wird die Beziehung auf diese Art geführt?

Yves-Robin Josie: Der Ex-Mann ist auch psychisch erkrankt und ist nicht berufstätig. Direkt zusammen in einer Wohnung leben ist unmöglich, dafür braucht jeder für sich seine Freiräume und das läßt es meist schnell zu Auseinandersetzungen und Frustrationen kommen. Durch unsere immer wiederkehrende Instabilität können wir Krisen von ihm nur schwer mitmeistern. Es wird hier oft als zusätzliche extreme Belastung gesehen oder erlebt.

Der Bunte Ring: Wie sieht der Alltag aus eurer Sicht aus?

Yves-Robin Josie: Unser Alltag ist sehr strukturiert. Wir haben an bestimmten Tagen in der Woche immer die gleichen Termine. Wir achten sehr darauf, dass diese nicht immer wieder umgeplant werden müssen. Wenn sich Termine verändern, kommen wir nur schwer damit zurecht. In der Woche haben wir immer einen Tag an dem nichts geplant ist. Wir müssen sehr darauf achten, dass höchstens zwei Termine am Tag sind und das dann nicht täglich. Um morgendliche Termine überhaupt schaffen zu können müssen wir mindestens vier Stunden bevor wir die Türe raus müssen, aufstehen. Duschen, Frühstücken ect. braucht eine Menge Zeit und muss sehr geplant und achtsam durchgeführt werden. Besuche müssen leider auch sehr lange geplant werden, wenn diese dann überhaupt möglich sind. Wir schaffen es fast täglich warmes Essen auf den Tisch zu stellen, was aber leider nur geht, wenn der Ex-Mann mit anwesend ist, er also mit isst. Durch die Wechsel wird der Alltag sehr schwer. Alleine einkaufen können wir nur sehr eingeschränkt. Um unseren eigenen Anspruch an eine aufgeräumte und saubere Wohnung gerecht zu werden, haben wir in der Woche vier Stunden eine Unterstützung durch eine Haushaltshilfe.

Der Bunte Ring: Das hört sich doch ziemlich „normal“ an. Gut organisiert und achtsam. Was sind eure charakterlichen Stärken?

Yves-Robin Josie: Dass wir es mittlerweile geschafft haben, ein fast gut funktionierendes System zu sein. Die Innenkommunikation hat viel an Sicherheit und Stabilität wieder rein gebracht. Wir sind verlässlich, was uns sehr wichtig ist. Wir halten Termine ein und können meist auch sagen, wenn es gerade zu viel wird. Wir haben für uns einen Raum in der Wohnung eingerichtet, den wir unseren Ruheraum nennen. Dort ist viel für die Kleinen und auch wir Großen können dort Ruhe wieder finden. Wir haben gelernt mehr auf die Zeichen zu hören. Vieles ist klarer und besser geworden. Auch glauben viele heute daran, dass es irgendwann eine Zeit geben wird, in der es uns noch besser gehen wird. Das wir dann mehr an der Gesellschaft und dem Leben teilnehmen können. Das wäre unser Ziel – irgendwann einmal. Heute geben wir uns nicht mehr auf, glauben daran, dass wir immer weiter unseren Weg finden werden. In der Therapie schaffen es ganz viele schon sich zu beteiligen. In Angst und Panik können wir uns besser helfen, es ist vieles endlich möglich geworden. Auch wenn es noch ein weiter Weg sein wird. Als Stärke sehen wir heute, dass „wir“ an. Hier ist doch viel möglich geworden.

Der Bunte Ring: Ich finde, dass ihr sehr reflektiert seid. Eine sehr positive Eigenschaft. Wenn wir gerade bei positiven Eigenschaften sind: Was sind eure Talente? Was könnt ihr besonders gut?

Yves-Robin Josie: Zuhören, Tipps geben, sich einbringen; auch haben wir jemand der sich sehr gerne mit Gesetzestexten rumschlägt. Hier spielen welche, trotz der körperlichen Behinderung, Keyboard. Es wird gerne gemalt und gebastelt. Wenn es die Kraft zuläßt gehen wir gerne zu Konzerten. Musik ist vielen hier ein guter Beruhigungsansatz. Die Natur und Tiere mögen wir sehr gerne. In Begleitung gehen wir gerne raus und genießen ein Spaziergang. Unsere drei Tiere können wir immer selbst versorgen. Auch wenn eines zum Tierarzt muss, schaffen wir dies. Darauf sind wir auch richtig stolz. Ein paar spielen gerne am Computer und es gibt auch ein paar die gern schreiben.

Der Bunte Ring: Da seid ihr wirklich sehr vielseitig und talentiert. Aber bei allem Positiven gibt es sicher auch Punkte, die besonders problematisch sind. Was sind die Punkte, die euch am meisten Kopfzerbrechen bereiten, wenn es um eure Dissoziationen geht?

Yves-Robin Josie: Solange Dissoziationen Zuhause vorkommen, kann Moon mittlerweile ganz gut mit umgehen. Draußen sieht dies schon ganz anders aus. Auch wenn wir eigentlich einen Bestimmten haben, der dann den Auftrag hat, den Körper nach Hause zu bringen. So gibt es doch immer wieder Situationen die nicht gut sind. Angst davor, dass sich wer auf fremde und „ungute“ Menschen einlässt. Leider schaffen noch nicht alle sich abzugrenzen und auch deutlich „Nein“ zu sagen. Etwas, dass draußen doch immer wiedermal angebracht wäre. Wir wünschen uns eine Zeit, in der dies alles nicht mehr so sein wird. Mehr innere Bereitschaft der offenen Kommunikation wäre schön. Wenn jemand einfach nicht sagen möchte, was er in der „Aussen-Zeit“ gemacht hat, spüren wir Angst. Es macht uns sehr unsicher, wenn wir nur wissen, wie viel Zeit wir verloren haben, ohne zu wissen, was genau gemacht wurde. Auch würden einige hier gern wieder einer Tätigkeit nachgehen, aber das sieht so unendlich weit weg noch aus. Manchmal haben wir Angst, dass dieser Weg doch nie enden wird und wir nie so sein werden, wie wir gerne wären.

Der Bunte Ring: Ihr verwendet immer wieder mal die Namen von den verschiedenen von euch. Da stellt sich die Frage, wie ihr im Innen aufgestellt seid? Wie habt ihr euch Innen organisiert?

Yves-Robin Josie: Die jetzige Aufstellung ist noch ganz neu. Dies haben wir erst in den letzten 3 Monaten mit der neuen Therapeutin erarbeitet. Ob es so schon gut passt, wissen wir noch nicht sicher. Wir mögen aber so grob sagen, was wir organisiert und erarbeitet haben: Wir haben innen nun jemand der immer mit ein Auge auf das Außen hat. Jemand der im Notfall den Alarm auslöst. Diese Persönlichkeit hat auch die Aufgabe im inneren sicheren Raum für uns alle, durchzuzählen und zu schauen ob alle da sind. Kleine Hexe hat die Aufgabe übernommen, die Kinder in diesen Raum zu bringen. Zwei sind dann im Außen und regeln im Alarmzustand den Körper. Einer ist schon lange zuständig die „Darks“ daran zu hindern sich zu uns anderen zu gesellen. Leider geht dies nicht anders und funktioniert sogar schon lange ganz gut. Für die Nacht haben wir einen, der zwar auch selbst schläft, aber das Außen abcheckt und überwacht. Carmen, Tessa und Sascha sind in der Kinderbetreuung tätig, was gut läuft und auch in der Krise noch irgendwie zu meistern ist. Den eigentlichen Alltag im Außen regelt Moon die meiste Zeit. Ich führe auch gerade das Interview mit dir. Seit neustem ist hier aber auch wer anderes hinter mir, der gleich übernimmt falls was sich „ungut“ anfühlt, sodass ich auch in den sicheren Raum kann.

Der Bunte Ring: Da habt ihr ganz schön viel erreicht in der letzten Zeit. Gratulation dazu! Steht ihr bisher in der Öffentlichkeit eigentlich zu eurer Diagnose?

Yves-Robin Josie: Jain. Hier muss man echt sagen, dass wir abtasten und genau schauen, wem wir was sagen. Es gibt ja nun auch Menschen, denen man nicht alles auf die Nase binden muss. Aber im Allgemeinen können wir schon dazu stehen zu sagen, dass wir schwer traumatisiert sind. Wir reden aber schon auch offen über Dissoziation, Trigger, Traumata, das ist heute kein Problem mehr. Manchmal braucht es aber ein bisschen Zeit dies dann zu sagen. Gerade bei der neuen Haushaltshilfe haben wir das gesehen. Und hier ist es aber wichtig, dass sie aufgeklärt ist, denn wir sind ja nun alle einfach hier und sie muss bei Wechseln wissen was hier los ist.

Der Bunte Ring: Das ist ja schon ein recht offener Umgang und es ist gut, dass ihr dabei genau abwägt, wem ihr was sagt. Welche Reaktionen hattet ihr denn eigentlich darauf erwartet und welche sind eingetroffen?

Yves-Robin Josie: Eigentlich haben wir nicht wirklich schlechte Erfahrungen in den letzten zwei Jahren damit gemacht, offen zu sein. Menschen haben uns besser verstanden und konnten so auch besser mit uns umgehen. Die erwartete Ablehnung, kam fast nie. Wir waren doch sehr überrascht, dass Menschen das ein Stück weit verstehen wollen.

Der Bunte Ring: Ihr habt schon eine Haushaltshilfe erwähnt. Habt ihr Zuhause auch eine Betreuung durch Fachpersonal?

Yves-Robin Josie: Wir haben jetzt schon 10 Jahre die Sozialbeistandschaft über das Versorgungsamt. Seit Oktober 2010 arbeiten wir mit Maria zusammen. Und hier hat sich mega viel getan. Einkaufen und organisieren von Terminen machen wir nur noch mit Maria. Arzttermine und Amtsangelegenheiten werden mit ihr viel besser gemeistert. Wir planen die Termine und besprechen diese ausreichend davor und danach. Sie hilft uns unsere Anliegen und Wünsche äußern zu können. Dinge wie Zoo oder Kaffeetrinken gehen machen wir auch mit ihr. Was für uns alle alleine unmöglich wäre, aber mit ihr klappt das ganz gut. Bei Maria dürfen auch alle da sein, egal wer. Sie geht auch mit den Kleinen dann einfach spazieren oder in den Tierpark. Auch hat sie uns eine sehr liebe gesetzliche Betreuerin empfohlen, die wir seit ein paar Monaten haben. Auch diese erleichtert vieles, kümmert sich um Dinge, die für uns sehr schwer sind, wie z.B. Nebenkostenabrechnungen einreichen beim Sozialamt, unnötige Verträge kündigen oder Anträge stellen und Widersprüche schreiben. Aber sie läßt uns trotz allem sehr viel Freiraum. Wir entscheiden, wo sie helfen soll und wo nicht, das finden wir richtig gut. So fühlen wir uns unterstützt aber nicht eingeschränkt.

Hier müssen wir dann auch die Haushaltshilfe nochmals erwähnen, denn auch diese hat eine wichtige Funktion in unserem wöchentlichen Ablauf. Sie ist eigentlich auch dafür da, dass wir mehr das „Wir“ leben können und nicht immer Moon sich um alles kümmern muss. Und das für jeden auch in dieser Zeit, theoretisch, eine Außenzeit möglich ist.

Der Bunte Ring: Du hast schon Kaffetrinken und Tierpark erwähnt, aber wie verbringt ihr sonst eure Freizeit? Worauf müsst ihr achten, damit Freizeit euch gut tut?

Yves-Robin Josie: Freizeit ist für uns schon ein komisches Wort. Da wir es nicht so gut hin bekommen, diese gut alleine zu planen – also zumindest das, was außerhalb der Wohnung stattfindet. Das meiste läuft in unserer Wohnung ab, wo wir uns nun auch wieder sicher fühlen. Hier gibt es für uns alle eigentlich auch genug Möglichkeiten sich zu beschäftigen. Was aber hier ganz wichtig ist, dass keine Kleinen die Türe öffnen, dass sie sich zwar egal mit was beschäftigen dürfen, aber die Regeln eingehalten werden können. Wir versuchen Außenzeiten zu planen. Dass wir also schauen wer wann im außen sein möchte und für sich selbst was machen mag. Zwar klappt es nicht immer mit Absprachen, aber wir sind da schon recht gut mit. Und es kann nur besser werden.

Der Bunte Ring: Es ist schön, zu sehen, dass ihr immer wieder einen positiven Blick nach vorne habt. Habt ihr eigentlich noch Kontakt mit eurer Familie?

Yves-Robin Josie: Nein.

Der Bunte Ring: Ok, das war kurz und knapp. Wie reagiert denn euer direktes Umfeld auf die Diagnose und eventuell genannte Hintergrundinformationen?

Yves-Robin Josie: Ein direktes Umfeld haben wir eigentlich so nicht. Es gibt ja nur den Ex-Mann als wirklichen Freund. Und sonst ja nur Menschen die uns unterstützen. Aktuell schaffen wir es in eine Frauengruppe zu gehen, da sind – glauben wir – nur traumatisierte Frauen. Es ist eine geschlossene Gruppe und wir geleitet von Mitarbeiterinnen die in Maria´s Firma arbeiten. Dort geht es eher aber um ressourcen-orientierte Dinge und nicht um diese diagnosen Dinge.

Der Bunte Ring: Seid ihr in therapeutischer Behandlung und wenn ja, gab es Probleme mit den Genehmigungen?

Yves-Robin Josie: In Therapie sind wir seit 2008 durchgehend. Aktuell haben wir eine Verhaltenstherapeutin die eine Ausbildung im Bereich Trauma gemacht hat und viel Erfahrung mit DIS hat. Hier haben wir einmal die Woche eine Stunde. Für diese Therapie haben wir nun einen Antrag auf Kostenübernahme über das OEG gestellt; der Bescheid steht aber noch aus. Ergotherapie machen wir noch zusätzlich auch eine Stunde in der Woche. Auch sie hat DIS Behandlungserfahrung. Hier ist es dann auch möglich dass nur Kinderstunden gemacht werden – was nun seit vier Wochen Standard geworden ist; erstmal. Dies bringt uns ganz viel innere Ruhe und Ausgeglichenheit. Beim nächsten Psychiatertermin für ein Ergorezept werden wir schauen, ob wir zwei Stunden Ergotherapie bekommen können. Dann werden wir versuchen mit Körpertherapie bei ihr anzufangen. Danach die Stunden zusammenlegen und schauen was wir machen wollen.

Aktuell haben wir einen Antrag auf Musiktherapie gestellt – auch hier steht der Bescheid noch aus. Diese haben wir bisher durch ein privates Rezept unserer Therapeutin bekommen und beim OEG eingereicht.

Der Bunte Ring: Ihr spracht schon von körperlichen Einschränkungen. Habt ihr eine anerkannte Schwerbehinderung aufgrund von DIS / DSNNS?

Yves-Robin Josie: Nein, da wir 80% Körperbehinderung schon hatten, wurde nur in die Akte eine psychische Erkrankung mit aufgenommen – aber nicht spezielle Diagnosen.

Der Bunte Ring: Nach welcher Zeit in therapeutischer Behandlung habt ihr eigentlich die Diagnose erhalten? Und gab es vorher Fehldiagnosen?

Yves-Robin Josie: Oh ja! Wir haben viele falsche Diagnosen hinter uns! Verdachtsdiagnose war dann 2001 in einer Klinik gestellt worden. 2010 hat unser damaliger Therapeut die DIS dann diagnostiziert – da waren wir dann bei ihm schon zwei Jahre durchgehend in Therapie.

Der Bunte Ring: Wird in der Therapie eigentlich auf eure persönlichen Bedürfnisse eingegangen oder wird versucht euch in eine „Form zu pressen“?

Yves-Robin Josie: In beiden Therapien – Psychotherapie sowie Ergotherapie – wird genau darauf geachtet was uns nun helfen könnte. Es wird nicht nach Schema F irgendetwas durchgezogen. Und jeder darf immer auch sagen, wenn etwas nicht so passt. Bei beiden Therapien dürfen alle da sein, niemand wird ausgeschlossen. Direkte Persönlichkeitswechsel sind aber in der Ergotherapie häufiger. Da wir in der Psychotherapie eher mit dem Modell der „Gruppentherapie“ arbeiten.

Der Bunte Ring: Welche Fortschritte habt ihr durch die Therapie gemacht?

Yves-Robin Josie: Was uns immer wieder nach einer Krise auffällt, dass sie schneller vorbei geht. Auch, dass es heute möglich ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch brauchten wir schon lange keinen Akut-Klinikaufenthalt mehr. Durch unsere unterstützenden Menschen im Umfeld, haben wir die Möglichkeit, Krisen zu Hause zu meistern. Das selbstverletzende Verhalten hat sich so stark reduziert, dass es fast gar nicht mehr da ist. Heute können wir sogar sagen, dass wir leben wollen. Und das fühlt sich dann sogar gut an. Auch ist die Innenkommunikation überhaupt erst möglich geworden. So wurde die Angst für mich kleiner. Ich habe lernen können zu akzeptieren, dass ich nur dann weiter komme, wenn ich das „Wir“ annehmen lerne. Zwar ist nicht alles immer gut und auch nicht alles funktioniert immer gut, aber wir merken, dass es immer ein kleines Stückchen weiter geht.

Der Bunte Ring: Das ist ja schon eine ganze Menge an Fortschritten! Was sind denn eure fünf grössten Ziele, die ihr erreichen wollt?

Yves-Robin Josie: 1. Irgendwann ein paar Stunden am Tag arbeiten zu können.
2. Zeitverluste reduzieren und somit ein leichteres Leben führen können.
3. Irgendwann sagen zu können: „Nun haben wir soviel an uns gearbeitet, so darf es bleiben“.
4. Sich wohl im eigenen Körper fühlen; Sich annehmen können.
5. Ein Leben ohne die ganzen „Helferlein“ führen zu können.

Der Bunte Ring: Das sind ja ganz klare Ziele. Ich wünsche dir viel Erfolg dabei, diese Stück für Stück erreichen zu können. Wie sieht es eurer Meinung nach mit der Öffentlichkeitsarbeit rund um DIS / DSNNS aus?

Yves-Robin Josie: Ich glaube, dass man nie genug Öffentlichkeitsarbeit in Bezug auf solche Dinge machen kann. Es kann nie zu viel, nur zu wenig sein. Gerade wenn man sich anschaut wie viele Ärzte und Psychotherapeuten überhaupt keine Ahnung haben, was wir in und mit uns Tag täglich erleben.

Der Bunte Ring: Der Bunte Ring will mit dazu beitragen, dass sich dies bessert. Und ihr habt mit diesem Interview einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, aufzuzeigen, dass man mit einer „Dissoziativen Identitätsstörung“ ein vielschichtiges und offenes Leben führen kann. Auch ist klar ersichtlich geworden, dass ihr sehr reflektiert seid und einen klaren Blick auf eure Zukunft habt. Das ist sehr lobenswert! Vielen Dank für eure offenen Antworten in diesem Interview. Wir wünschen euch, viel Erfolg dabei, eure Ziele zu erreichen.